Freude über die Angst der Dikatoren

Gespräch mit dem Schriftsteller Abbas Khider

Gestern Abend in Berlin. Lesung und Party im "Froschkönig". Abbas Khider feiert seinen Geburtstag, und er stellt seinen neuen Roman vor. Es gibt aber noch etwas, worüber sich der deutsch-irakische Schriftsteller in diesen Tagen freut.

Khider sagt: "Ich habe immer darauf gewartet, dass die arabischen Herrscher zu Hause sitzen, in ihren Villen und Palästen, und zittern vor Angst. Das freut mich wirklich sehr, das ist so schön! Und auch, dass die einfachen Leute in den arabischen Ländern sich freuen, dass die Diktatoren Angst haben. Das ist die schönste Zeit meines Lebens!" Abbas Khider strahlt. Unentwegt. Die Strapazen seines Lebens sieht man ihm nicht an.

Zwei Jahre im Verlies

Dabei hat der 38jährige am eigenen Leib erfahren, was Diktatur bedeutet. Weil er als Gymnasiast ein regimekritisches Flugblatt verteilte, verschwand er in einem unterirdischen Verlies Saddam Husseins: zwei Jahre Folter, zwei Jahre Hunger, zwei Jahre kein Tageslicht. Dass er nicht wahnsinnig wurde, verdankt er dem Schreiben: "Das war wirklich ein Trost für mich. Wir haben ja kein Papier bekommen, keine Stifte, keine Zeitungen, keine Bücher, deswegen mussten wir an die Wände schreiben. Damals habe ich angefangen, Gedichte zu schreiben. Außerdem gibt es auch Menschen im Gefängnis, die wunderbar sind. Die größten Köpfe des Irak waren damals im Gefängnis. Von denen habe ich viel gelernt."

Was richten Diktaturen mit den Menschen an? Nüchtern und doch plastisch beschreibt Khider nicht nur die physischen Torturen, es geht auch um zerstörte Seelen. Die Gefangenen im Irak etwa warteten immer auf den Geburtstag von Saddam Hussein, ein Tag, an dem oft Amnestien erlassen wurden. Auch Khider klammerte sich damals an diese Hoffnung: "1994 habe ich das erlebt, ich war schon im Gefängnis, und an diesem Tag haben wir keine Amnestie, sondern eine Orange von Saddam Hussein persönlich als Geschenk bekommen für alle politischen Gefangenen." Eine besonders subtile Form der Folter. Wer so etwas erlebt habe, meint Khider, könne leicht vom Opfer zum Verbrecher oder Mörder werden. "Es ist auch diese Produktion von schlechten Menschen durch bestimmte Taten der Regierung, die ich darstellen wollte."

Freiheit aus eigener Kraft erkämpfen

Seit zehn Jahren lebt Khider in Deutschland - nach einer Flüchtlingsodyssee durch Jordanien, Libyen, Tunesien, die Türkei und Griechenland. Niemand, sagt er, verlässt sein Land, wenn es nicht sein muss. Die jungen Ägypter vom Tahrir-Platz schon gar nicht. Khider war selbst dabei. Was er dort sah, erfüllt ihn mit Stolz. Die Freiheit aus eigener Kraft zu erkämpfen - das setzt großes Selbstbewusstsein frei. Auch Libyen muss diese Chance bekommen, meint Khider: "Die Hauptsache ist wirklich, dass man Muammar Gaddafi nicht unterstützt. Das ist wirklich alles, was man jetzt tun kann. Es ist jetzt wichtig, dass die Leute dort ihre Probleme selbst lösen. Die schaffen das allein. Zum Beispiel die Iraker... Ich finde es schade: Die Amerikaner haben ihnen die Revolution gestohlen. Die Iraker hätten das auch selbst geschafft."

Bagdad heute. Saddam ist lange weg. Trotzdem gehen die Menschen auf die Straße. Das neue politische System funktioniert nicht. Die Gesellschaft ist zersplittert. Sunniten, Schiiten, Christen und Muslimen eine gemeinsame Stimme zu geben, das wäre die Aufgabe der Intellektuellen, meint Khider: "Ich glaube, dieses Mal geht es nicht um Politik, es geht um Kultur. Die Iraker brauchen eine kulturelle Revolution. Daran glaube ich." Und daran arbeitet der Schriftsteller. Auch im nächsten Lebensjahr. Am Ende ist er übrigens doch noch amnestiert worden. An Saddams Geburtstag. Aber erst ein Jahr nach der Orange.

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