Für ein selbst- bestimmtes Leben

Samar Badawi kämpft für die Rechte der Frauen

Sie ist die erste Frau in Saudi-Arabien, die für ihr Wahlrecht vor Gericht zieht: Samar Badawi, 32. "Ich habe in meinem Leben sehr viel Unrecht erfahren. Deshalb habe ich mich entschlossen, die Umstände in diesem Land zu verändern", sagt sie.

Bislang dürfen Frauen in Saudi-Arabien nicht wählen, geschweige denn gewählt werden. Ein Gesetz dazu gibt es allerdings nicht. "Ich ging also zum Wahlamt, um mich für die Kommunalwahlen im September eintragen zu lassen", erzählt Samar Badawi. "Dort sagte man mir, Frauen dürften nicht wählen." Badawi erhob Klage, sie wurde angenommen.

Unerschrockene Kämpferin

Am Donnerstag gab nun die Regierung in Riad bekannt, dass sie das Wahlrecht für Frauen einführen wolle - wenn auch erst in vier Jahren. Diese gewaltige Neuerung ist auch ein Verdienst von unerschrockenen Kämpferinnen wie Samar Badawi. Ihr geht die Veränderung jedoch nicht schnell genug. Sie will nicht vier Jahre warten, um ihre Stimme geltend zu machen. Sie will noch dieses Jahr wählen gehen. Der erste Gerichtstermin ist auf nächste Woche angesetzt. Ihr Mann, ein Menschenrechtsanwalt, vertritt sie.

Fast sieben Monate saß Badawi im Gefängnis. Ihr Verbrechen: Sie wollte ein selbstbestimmtes Leben führen. Nach der Scheidung ihrer ersten, unglücklichen Ehe zog sie mit ihrem Sohn zurück zu ihrem Vater. Der misshandelte sie brutal, im März 2008 floh Badawi mit ihrem Sohn ins Frauenhaus in Dschidda. Ihr Vater reichte Klage gegen sie ein wegen Ungehorsams - ein Vorwurf, der eine saudische Frau ins Gefängnis bringen kann. Die Klage wurde nicht weiter verfolgt.

Verhaftet und eingesperrt

2009 verklagte der Vater seine Tochter erneut, im Juni wurde Haftbefehl gegen sie erlassen, nachdem sie mehrere Male nicht zur Verhandlung erschienen war. Badawi fand einen Menschenrechtsanwalt, Abu al-Khair, der sie vor Gericht vertreten sollte. Sie verliebte sich in den Mann, wollte ihn heiraten, doch der Vater verbot es. Badawi reichte Klage gegen ihren Vater ein, um zu erwirken, dass ihm die Vormundschaft entzogen würde. Der erste Gerichtstermin im Prozess gegen ihren Vater war auf den 4. April 2010 angesetzt. Das Gericht drehte den Spieß um, Badawi wurde verhaftet und eingesperrt, basierend auf der Ungehorsams-Klage des Vaters. Ein Prozess hatte nie stattgefunden.

Im Oktober 2010 kam Badawi frei. Menschenrechtler aus Saudi-Arabien und dem Ausland hatten mit einer internationalen Medien- und Internetkampagne Aufmerksamkeit auf den Fall Badawi gelenkt und bei König Abdullah eine Petition für ihre Freilassung eingelegt. Seitdem kämpft Badawi, die inzwischen als Visagistin arbeitet, weiter - für ihr Wahlrecht. Für die Rechte von Millionen von Frauen in Saudi-Arabien. Die Kraft dafür schöpft sie aus dem Islam. Und mit ihrem ausgesprochenen Gerechtigkeitssinn lässt sich vielleicht erklären, wie sehr sie an ihr Land glaubt - trotz allem, was sie erlebt hat: "Ich vertraue unserer Rechtsprechung, halte sie für fair und gerecht."

Nur mit Zustimmung des Vormunds

Nun kommt das Wahlrecht für Frauen. Die saudische Nationalkommission für Menschenrechte erklärte, der Ausschluss von Frauen bei Wahlen verletze eine im Jahr 2000 verabschiedete Konvention gegen die Diskriminierung von Frauen. Das war bislang undenkbar in einem Land, in dem man sogar eingesperrt werden konnte, wenn man sich dafür einsetzte, Frauen das Autofahren zu erlauben. So wie Samar Badawi, die eine entsprechende Petition unterschrieben hatte - auch dies hatte ihr Vater vor Gericht gegen sie verwendet.

In Saudi-Arabien gilt das System der Vormundschaft: Will eine saudische Frau reisen, arbeiten oder heiraten, braucht sie die Zustimmung ihres offiziellen Vormunds. Bei unverheirateten und geschiedenen Frauen ist das der Vater, bei verheirateten der Ehemann. Und manche Frauen wollen es gar nicht anders: Seit 2009 gibt es die konservative Bewegung "Mein Vormund weiß besser, was für mich gut ist". Mit einer eigenen Homepage und mehreren Tausend Anhängerinnen, die über Facebook werben.

Frauenrechtsbewegung

Die Idee zu der Kampagne stammt von Rawdha Yussif aus Dschidda. "Ich finde es bedauerlich, dass es eine Minderheit von Frauen gibt, die für die so genannte Befreiung der Frau wirbt, was gegen das islamische Recht und die traditionellen Werte der Araber verstößt", erklärt sie. Eine solche Argumentation findet Badawi absurd: "Es gibt kein Gesetz, das Frauen den Zugang zu bestimmten Bereichen verbietet. Auch nicht die islamische Scharia." Im Gegenteil, die Scharia schütze die Rechte der Frau.

Anders als in anderen arabischen Ländern kommt die Veränderung in Saudi-Arabien schleichend. Aber sie kommt. Dass die Frauenrechtsbewegung eine Minderheitenbewegung sei, kann spätestens jetzt jedenfalls keiner mehr behaupten.

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