Gelähmter Körper, bewegter Geist

Stephen Hawkings All-umfassendes Buch

Seit Jahrzehnten ist sein Körper vollständig gelähmt. Doch der Geist Stephen Hawkings schwirrt durch elf Raumdimensionen, die sich zwar mathematisch modellieren, doch nicht messen lassen. Stephen Hawking ist ein Mysterium, das seinem vorhergesagten Sterben um Jahrzehnte enteilt. Er balanciert an den Grenzen der Wissenschaft, wo sich doch nichts mehr beweisen lässt.

Durch einen Luftröhrenschnitt verlor Hawking 1985 die Fähigkeit zu sprechen, ist auf einen Sprachcomputer angewiesen, den er durch die Bewegung seiner Pupillen steuert. Und doch spricht seine künstliche Stimme so verständlich zu uns: "Ich möchte das Beste tun, das ich kann. Wegen meiner Behinderung brauche ich Hilfe, aber ich habe immer versucht, die Grenzen meines Zustands zu überwinden, um so gut wie möglich ein volles Leben zu führen. Ich bin durch die Welt gereist, von der Antarktis bis in die Schwerelosigkeit. Vielleicht werde ich eines Tages noch ins Weltall reisen."

Existenz von unzähligen Universen

Für die Reise ins All hat Hawking schon geübt. Es waren glückliche, befreiende Momente. Er, der seine extremen Modelle vom Universum immer nur gerechnet, aber nie erforscht hat, will leben und erleben: "Wir wollen erforschen und sind fasziniert von Reisen ins Unbekannte. Wissenschaft ist nicht nur eine Sache der Vernunft, sondern auch eine der Romantik und Leidenschaft. Das Forschen echter Menschen inspiriert uns."

Seit die Sonne sich nicht mehr um die Erde dreht, steht der Mensch nicht mehr im Zentrum des Universums. Aber er entschlüsselte seine Gesetze. Die mathematischen Prinzipien der Natur fassen wir in Formeln, versuchen, das Unerklärbare der Vernunft zu unterwerfen - so wie Isaac Newton, auf dessen Lehrstuhl in Cambridge Hawking saß. Einstein ist sein größtes Idol. Um dessen Relativitätstheorie weiterzuspinnen, fährt Hawking noch immer jeden Tag ins Institut für angewandte Mathematik, dessen Forschungsdirektor er ist. Er glaubt an die Existenz von unzähligen Universen, in denen jeweils andere Naturgesetze herrschen. Und er ist überzeugt, der Antwort auf die Frage 'Warum existiert überhaupt etwas - und nicht etwa nichts?' näher zu kommen: "Weil Schwerkraft und Quantentheorie bewirken, dass Universen spontan aus dem Nichts entstehen."

Kosmos hat keinen Anfang

Diese Erklärung bedeutet nicht weniger, als dass für einen Schöpfergott kein Platz mehr vorgesehen ist. "Andere mögliche Universen sind von unserem eigenen Universum vollkommen getrennt", so Hawking, "wann und wo sie sich relativ zu uns befinden, ist nicht bestimmt. Es gibt keine Möglichkeit, es zu messen." Das ist der Kern seines neuen Buchs "Der große Entwurf". In gewissem Sinn werden wir selbst zu Herren der Schöpfung, meint Hawking. Für den theoretischen Physiker, hat der Kosmos keinen Anfang. Und es gibt auch keinen Schöpfungsplan. Doch wenn es keinen Anfang gibt, wer hat alles geschaffen? "Die Wissenschaft kann das Universum erklären, ohne einen Schöpfer." Können die Naturgesetze Gott ersetzen? "Gott ist der Name, den Menschen dem geben, was sie nicht verstehen. Aber Wissenschaft erklärt das Universum so, dass wir es alle verstehen können."

In Hawkings Kosmos sind Raum und Zeit relativ. Aber die Gefühle sind es nicht. Wie lebt er die aus? "Ich war von Wagner gefesselt - oder Wägner, wie mein Sprachsynthesizer ihn ausspricht - als man meine Krankheit diagnostizierte und mir noch zwei Jahre zu leben gab. Seine Musik drückte meine Stimmung aus. Wagner schaffte es, meine Gefühle in Musik auszudrücken - besser als jeder andere davor oder danach." Vielleicht ist ja die Frage, weshalb Hawking noch immer denkt, weshalb dieser robuste Geist über den Körper triumphiert, kein geringeres Rätsel als das Universum.

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