Genialer Schwindel

Filipov unterschlägt das Schreiben und beschließt, als falsches Bolschoi-Orchester mit seinen früheren Kollegen aufzutreten. Ein wahnwitziger Plan: Seine Musiker sind in alle Winde verstreut, arbeiten inzwischen als Taxifahrer, Möbelpacker oder Pornofilm-Vertoner. Im Krankenwagen seines besten Freundes Sascha, einem Cellisten, der jetzt als Fahrer sein Geld verdient, rasen die beiden durch Moskau.

Humor als Rettung

Als Manager engagieren sie ausgerechnet den Altkommunisten Gavrilov, der sie damals als KGB-Informant verriet. Aber der kennt sich mit Auslandstourneen aus und "spricht besser französisch als Molière". Er schafft es sogar, dem Pariser Operndirektor die weltberühmte Geigerin Anne-Marie Jacquet (gespielt von Mélanie Laurent) als Solistin abzutrotzen. Sie und Maestro Filipov verbindet ein großes Geheimnis, das erst am Ende des Films gelüftet wird.

Mit viel kreativer und krimineller Energie schafft die Truppe es schließlich nach Paris. Doch statt zu proben, handeln Filipovs Musiker mit Kaviar und chinesischen Handys. Wird sich Filipovs Lebenstraum - noch einmal Tschaikowskys Konzert für Violine und Orchester zu spielen - erfüllen?

Dem jüdisch-rumänisch-französischen Regisseur Radu Mihaileanu gelang der internationale Durchbruch mit seinem vielfach preisgekrönten "Zug des Lebens" - dem Kunststück einer rabenschwarzen Komödie über den Holocaust. Darin verkleiden sich jüdische Bewohner eines osteuropäischen Dorfes als Nazis und täuschen ihre eigene Deportation vor. Verkleidung, Täuschung und Humor als Rettung - ein Leitmotiv in Mihaileanus Werk. Er selbst floh 1980 aus Rumänien und lebt nach einem Umweg über Israel seither in Paris.

"Wahrer Kommunismus"


"In all meinen Filmen gibt es immer eine Notlüge, eine Täuschung. Aber es handelt sich um eine positive Täuschung, die gegen die große, politische Lüge eines Staates kämpft. In meinen Filmen erfinden kleine Leute eine kleine Lüge, um ihr wahres Schicksal und ihre eigene Wahrheit zu finden. Mein Humor ist der eines verzweifelten Optimisten. Er entsteht immer aus einer Tragödie heraus. Auch mein eigenes Leben wurzelt in einer Tragödie, in der Diktatur Ceausescus, wo ich erlebt habe, wie Freunde gefoltert oder getötet wurden. Man konnte diesen Horror nur auf eine Weise überstehen: durch Humor."

Sein neuer Film beruht auf verschiedenen wahren Begebenheiten: Tatsächlich weigerte sich der russische Dirigent Evgeny Svetlanov, jüdische Musiker zu entlassen und wurde selbst gefeuert - allerdings konnte er seine Karriere im Westen fortsetzen. Und tatsächlich wollte 2001 ein falsches Bolschoi-Orchester in Hongkong auftreten - der Schwindel flog aber bereits vor dem Auftritt auf. Und auch die Anekdote, die uns Mihaileanu erzählt, ist nicht aus der Luft gegriffen: "Wenn ein Ostblock-Orchester im Ausland gastierte, fuhren sie mit 50 oder 60 Leuten los und kamen mit fünf oder sechs zurück. Die anderen hatten im Westen politisches Asyl beantragt."

Hymne an Menschlichkeit und Freiheit

"Das Konzert" ist witzig und tiefsinnig zugleich. Nicht von ungefähr hat Mihaileanu dieses Tschaikowsky-Konzert gewählt: Das Zusammenspiel von Geige und Orchester, diese perfekte Harmonie zwischen Individuum und Gemeinschaft - das sei wahrer Kommunismus, meint er. "In meinem Film geht es auch um eine Gesellschaft zwischen der kommunistischen Diktatur - der Lüge, die das Individuum ausgelöscht hat, in der alles dem Volk gehören sollte und dem am Ende nichts gehörte - und dem individualistischen Westen. Der Kapitalismus - das ist jeder für sich - und das Konzert am Ende des Films ist für mich eine politische Metapher. Tschaikowskys Violin-Solo, also das Individuum, kann nicht vollendet sein, wenn das Orchester - die Gesellschaft - nicht gut ist. Auch das Orchester kann nicht brilliant sein, wenn das Solo nicht stark ist. Deshalb ist für mich die ideale Gesellschaft eine Mischung aus beidem: der Einzelne muss stark und respektiert sein, sollte sich aber der Gemeinschaft nicht entziehen. Das Orchester setzt sich aus unterschiedlichsten Individuen zusammen, jeder mit seinem Talent, seiner Persönlichkeit. Das ist keine anonyme Masse."

"Das Konzert" nimmt mit seinen skurrilen Charakteren jedes Klischee aufs Korn: den russischen Kapitalismus mit seinen Oligarchen, ewig gestrige Kommunisten, darbende Musiker mit viel "slawischer Seele", das westliche Musikbusiness, das sich angesichts von "Prä-Perestroika-Preisen" die Hände reibt und die "Barbaren" aus dem Osten, die in Paris einfallen. Einige rührselig geratene Szenen kann man da verschmerzen. Das Finale seines Films, die Orchesterszene, ist mitreißend iszeniert und furios geschnitten: ein Fest der klassischen Musik und eine Hymne an Menschlichkeit und Freiheit. Auch wer kein Klassikfan ist, wird überwältigt sein.

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