Gerettete Götter

Die Schätze vom Tell Halaf im Pergamonmuseum

Über 70 Jahre lang galt sie als Verlust, als Bombenopfer des zweiten Weltkriegs, als unrettbar zerstört. Und plötzlich steht sie wieder da, als könne ihr die Zeit nichts anhaben: Die "thronende Göttin vom Tell Halaf". Mit ihr kehren jetzt Dutzende verloren geglaubter Skulpturen zurück nach Berlin. Aramäische Monumentalbilder, die vor dem Krieg eine Berliner Sensation waren. Und die ihren Ausgräber, Max Freiherr von Oppenheim, weltberühmt machten.

Seinen spektakulären Fund machte der Hobby-Archäologe Oppenheim 1911 im heutigen Syrien. Dort waren Bauern auf merkwürdige Steinfiguren gestoßen. Der tat- und finanzkräftige Bankierssohn aus Köln zögerte keinen Moment, sie ausgraben zu lassen. Nach und nach wurde klar, dass es sich um 3000 Jahre alte Stücke aus dem Palast eines aramäischen Fürsten handelte. Vor allem aber kamen riesige Bildwerke und Reliefs ans Tageslicht. Diesen Schatz hätte Oppenheim am liebsten gleich mit nach Berlin genommen, doch der Abtransport aus Syrien glückte ihm - nach der Fundteilung - erst 1929.

27.000 Basalttrümmer

Schon ein Jahr später eröffnete Oppenheim in Berlin-Charlottenburg das Tell-Halaf-Museum. Seine Skulpturen wurden so berühmt wie Schliemanns Schatz des Priamos. Doch 13 Jahre später - im August 1943 - zerstörte ein amerikanischer Fliegerangriff Oppenheims Museum. Durch den Volltreffer einer Phosphorbombe gingen die "Götter vom Tell Halaf" unter. "Wir wissen jetzt, dass das Museum wohl mehrere Tage gebrannt hat oder zumindest nach dem Einsturz des Daches die Glut weiter existiert hat", erzählt der Archäologe Lutz Martin, Kurator der Tell-Halaf-Ausstellung, "und dann kamen erst die Löschmaßnahmen. Man hat nicht unmittelbar nach dem Brand gelöscht, sondern ein, zwei Tage später und dabei ist kaltes Löschwasser auf das Basalt aufgetroffen und hat die Basalt-Skulpturen und Bildwerke zersprengt."

27.000 Basalttrümmer - das war alles, was von den berühmten Skulpturen übrig geblieben war. Oppenheim konnte sie nur noch im Pergamonmuseum deponieren, bevor er 1946 starb. Der Schatz vom Tell Halaf schien für immer verloren - und blieb es auch, so lange er in Ost-Berliner Museumskellern lagerte. In der neuen Ausstellung erinnern jetzt Hunderte Fragmente daran. Erst nach dem Ende der deutschen Teilung machten sich Spezialisten der Berliner Museumsinsel daran, die Trümmerstücke zu restaurieren und zusammen zu fügen. Die Überraschung: 90 Prozent der Bruchstücke ließen sich einzelnen Skulpturen zuordnen.

"Eine kaum lösbare Aufgabe"

Doch nicht alle Kriegswunden ließen sich heilen. Es bleiben Risse und Abplatzungen, selbst an Oppenheims berühmter "thronender Göttin". Auch die seltsamen Skorpionvogelmänner vom Tell Halaf sind nicht perfekt. Ihre Vogelkrallen sind rissig, der Skorpionschwanz ist nicht ganz vollständig. Und doch lässt sich ein stimmiger Eindruck gewinnen. Und einige Skulpturen wirken nahezu unbeschädigt. "Viele Leute, die 2001 unsere große Sortierhalle und das Meer von Paletten und Fragmenten gesehen haben, waren der Meinung, das sei tatsächlich eine Aufgabe, die kaum lösbar ist", sagt Nadja Cholidis, Ko-Kuratorin der Ausstellung. "Ich denke, dass ist sicherlich auch ein Grund dafür, warum es so lange gedauert hat, sich dieser Restaurierung zu stellen und die Herausforderung anzunehmen. Denn vom Zeitpunkt der Bergung bis Projektbeginn 2001 sind ja doch einige Jahre vergangen".

Das Eingangstor des Palastes von Tell Halaf bildete einmal eine Löwengruppe - gekrönt durch mächtige Götter-Skuplturen auf ihrem Rücken. Sie sollen in den nächsten Jahren wieder mit den Göttern zusammengestellt werden - für das neue Südportal des Pergamonmuseums. Die in Stein gehauenen Löwen dienten einmal als steinerne Palastwächter. Ihre kompakte Form verrät, dass die Aramäer vor 3000 Jahren gerade erst vom Nomadenvolk zu Ackerbauern wurden. Funde aus dieser Übergangs-Periode sind rar und archäologisch besonders wertvoll. "Womit wir überhaupt nicht gerechnet haben, war, dass Oppenheim auch eine große Kollektion von Skulpturen-Fragmenten hatte, die er damals selbst nicht zuordnen konnte", so Nadja Cholodis. "Dass es uns gelingen würde, aus diesem Material erstmals Identifizierungen und Anpassungen zu machen - das war etwas, womit wir überhaupt nicht rechnen konnten. Und das heißt: Heute ist ein Teil der Bildwerke vollständiger, als in dem Moment, wo Oppenheim sie ausgestellt hatte."

Wie Phönix aus der Asche

Für ein halbes Jahr werden die geretteten Schätze aus dem Palast vom Tell Halaf jetzt im Pergamonmuseum zu sehen sein. Prunkvolle Stücke vor allem, wie sie auch Max von Oppenheim vor 80 Jahren präsentierte. Heute sind sie nicht nur einzigartig, weil sie die enorme Ausdruckskraft einer Kultur sichtbar machen, die nur wenige Jahrhunderte existierte. Sondern vor allem, weil sie buchstäblich wie Phönix aus der Asche auferstanden sind.

Hermann Parzinger, Präsident Stiftung Preußischer Kulturbesitz, weiß um die Begehrlichkeiten, die die Oppenheim-Sammlung weltweit weckt. "Wir haben schon Absprachen darüber, dass die Skulpturen der Tell-Halaf-Ausstellung, die zunächst hier im Pergamonmuseum ausgestellt werden, auch an anderen Orten gezeigt werden - in Europa und in den USA", sagt er. "Ich glaube, das wird eine Weltsensation, die an vielen Orten gesehen werden will. Und dann hoffen wir, dass das Pergamonmuseum bald saniert ist und die Skulpturen hier ihren endgültigen Aufstellungsort finden."

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