Germania war anders

Die Karte des Ptolemaios ist neu vermessen

Germania, das Land der Barbaren - Wildnis, unwirtlich und unbehaust. Dies ist, leicht überspitzt, noch immer Stand der Wissenschaft. Wo die Urväter der Deutschen zu Zeiten der Römer ihre Siedlungen hatten, blieb ein Rätsel. Nun gelang einem Team von Wissenschaftlern eine Sensation.

Auskunft über die germanischen Siedlungen erhoffte man sich seit jeher durch das Kartenwerk des Ptolemaios, der wichtigsten historischen Quelle. Mit einem Problem: Keiner der in der Karte von Germania genannten Orte war einer archäologisch nachweisbaren Siedlung zuweisbar, die 93 Orte bei Ptolemaios fanden keine neuzeitliche Entsprechung.

Dies gelang nun einem Team von Wissenschaftlern der TU Berlin mit dem Buch "Germania und die Insel Thule". Ein Geodät, ein Wissenschaftshistoriker, ein Informatiker und ein Althistoriker werteten die Quellen erstmals interdisziplinär aus. Das Ergebnis ist eine wissenschaftliche Sensation.

Messfehler zeigten ein Muster

Claudius Ptolemaios versuchte im Jahr 150 n.Chr. als Erster eine umfassende geographische Beschreibung der Welt. Seine Geographia ist ursprünglich nur eine Sammlung von Zahlen, Koordinatenangaben mit Längen- und Breitengraden, von Orten mit germanischen Namen. Aufgeschrieben wurden sie von Händlern und Seefahrern, vor allem aber von römischen Vermessungsingenieuren im Dienst des Militärs. Darauf greift Ptolemaios zurück. Hieraus entstand erst viel später die Karte Germanias.

"Ptolemaios hatte offensichtlich Kartenangaben, die er zusammenfügen musste", erklärt Dieter Lelgemann, der Geodät in der Wissenschaftler-runde. "Und bei dieser Zusammenfügung kam es, wie es heutzutage genau so geschehen würde, zu Fehlern. Diese Fehler müssen zurück berechnet werden." Dazu musste das Team zunächst rekonstruieren, wie zu Zeiten von Ptolemaious gemessen wurde: mit einer hochpräzisen Sonnenuhr für die Breitengrade und durch bloßes Abschreiten für die Längengrade. Die Messfehler zeigten ein Muster. Was bei Ptolemaios kartographisch verzerrt war, wurde mit hochkomplexen Formeln aus einer ganz anderen Ecke der Wissenschaft korrigiert. "Was wir verwenden sind moderne Verfahren der Deformationsanalyse", so Lelgemann. "Die sind entwickelt worden, um die Deformationen von Tragflügeln von Flugzeugen genau zu untersuchen."

Tacitus neu lesen

Im entzerrten Germania erhalten die Ortsangaben von Ptolemaios nun einen Sinn: Sie liegen oft dort, wo heute große Städte liegen. Überraschend zeigt sich: Städte wie Jena, Eisenach, Leipzig und Dresden waren schon zu Zeiten der Römer besiedelt. Städte wie Braunschweig, Hannover, Hamburg und Essen sind wahrscheinlich bis zu 1000 Jahre älter, als bisher gedacht - vorausgesetzt, die antike Besiedelung war nicht unterbrochen.

Heimatforscher und Archäologen sind nun aufgefordert, Beweise dafür zu liefern. Die Resonanz aus der Wissenschaft ist noch zögerlich. Denn die neuen Erkenntnisse machen einen Haufen wissenschaftlicher Literatur zu Makulatur. Manche Quelle, wie zum Beispiel Tacitus, muss neu gelesen werden: Historische Ereignisse, wie die Varusschlacht, werden neu lokalisiert. Nicht mehr Kalkriese, sondern Felsberg, das antike Amisia, 200 Kilometer weiter südöstlich, könnte nun der antike Schlachtort sein.

Germania: zivilisiert, weltoffen

Viele Siedlungen lagen - anders als bisher vermutet - an antiken Handelsstraßen, zum Beispiel an der Bernsteinstraße von Nord nach Süd. Die Germanen standen im regen wirtschaftlichen Austausch mit ihren Nachbarn, auch den Römern. "Wir werden ganz sicherlich in kurzer Zeit einen sehr sauberen Überblick kriegen, wie Germania Magna im Altertum ausgesehen hat", meint Dieter Lelgemann. Germania war also dichter besiedelt, zivilisierter und weltoffener als bisher angenommen.

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