Geschäfte mit dem Teufel

Die Tragödie des "jüdischen Oskar Schindler"

Am 3. März 1957 erschießt ein jüdischer Fanatiker in Tel Aviv auf offener Straße einen Mann. Das Opfer: Rezsö (auch: Rudolf) Kasztner, den man den jüdischen Oskar Schindler nennen könnte. Bis heute ist er eine umstrittene Gestalt: von den einen als Held gefeiert - von den anderen als Verbrecher gehasst.

Im von den Nazis besetzten Ungarn war es ihm, dem zionistischen Aktivisten, 1944 gelungen, mindestens 1700 Juden, wenn nicht gar 15.000, vor der Vernichtung zu retten. In nervenaufreibenden Verhandlungen mit Adolf Eichmann, dem Organisator des Holocaust, ging Kasztner auf einen perfiden Vorschlag ein: kriegswichtige Güter gegen Menschenleben einzutauschen: "Ware für Blut". Weil Deutschland den Krieg zu verlieren drohte, zeigten sich Himmler und Eichmann zu Verhandlungen bereit. Sie wollten wahrscheinlich einen Keil zwischen die westlichen Alliierten und die Sowjetunion treiben, einen Separatfrieden mit Großbritannien und den USA abschließen und sich auf den Kampf gegen die Rote Armee konzentrieren.

In der Höhle des Löwen

Zudem könnten sie sich nach einer Niederlage als "Judenretter" darstellen, um ihrer Strafe zu entgehen. So ging Eichmann auf die "Wa'ada", das jüdische "Komitee für Hilfe und Rettung" zu, dem Kasztner angehörte. Beide Seiten spielten ein doppeltes Spiel: Eichmann deportierte weiter so viele Juden, wie er konnte - Kasztner versprach verwegen Schmuck, Geld und andere Güter, die er zum Teil gar nicht hatte. Er pokerte in der Höhle des Löwen, machte Geschäfte mit dem Teufel - mit Mut, Chuzpe und geschickten Bluffs bewahrte er viele vor dem sicheren Tod.

Doch anders als dem früheren Nazi Oskar Schindler brachte man Kasztner in Israel keine Dankbarkeit entgegen. 1954 wurde er in Israel vor Gericht gestellt und als Kollaborateur und Verräter verurteilt. Er habe sich persönlich bereichert, sein Wissen über den Massenmord verheimlicht, so die Vernichtung der Juden erleichtert - seine Seele dem Satan verkauft. Obendrein habe er einen SS-Schergen vor der Bestrafung bewahrt. Der Prozess gegen Kasztner war und ist der aufsehenerregendste in der Geschichte Israels. Seine Rehabilitierung hat Kasztner nicht mehr erlebt. In der aufgeheizten Stimmung und nach einer Hasskampagne der rechten Presse wurde er ermordet.

Kasztner als Sündenbock

Ladislaus Löb wurde als Kind von Kasztner aus Bergen-Belsen gerettet. Er lebt heute als emeritierter Germanistik-Professor in England. In seinem spannenden und sorgfältig recherchierten Buch zeigt er auch, warum Kasztner zum Sündenbock einer ganzen Gesellschaft wurde. Sein Fall zwang die Israelis zum ersten Mal, sich öffentlich mit dem Holocaust und den Auswirkungen auf sie selbst auseinanderzusetzen. Die Juden, die vor dem Krieg nach Palästina gegangen waren und hier ihren eigenen Staat aufbauten, nahmen es den europäischen Juden übel, dass sie sich "wie Lämmer zur Schlachtbank" hatten treiben lassen, statt zu kämpfen.

Gleichzeitig hatten sie Schuldgefühle, weil sie selbst nicht so viel Hilfe hatten leisten können, wie nötig gewesen wäre. Diese Gefühle wandelten sich in Zorn und dieser ergoss sich in Vorwürfe gegen Kasztner. Statt zu kämpfen oder mit den anderen zu sterben, habe er mit den Mördern verhandelt. Ladislaus Löb, entsetzt über das verheerende Urteil gegen Kasztner, findet: Es ist keine Schande, zu verhandeln, um Leben zu retten. "Es ist sehr schön, wenn man es sich leisten kann, moralische Fragen in abstrakten Bgriffen abzuhandeln. Wenn es aber darum geht: 'Diese Leute werden umgebracht - kann ich etwas tun?' Dann lässt man sich mit dem Bösen ein."

Späte Gerechtigkeit

Löb geht es mit seinem Buch darum, den Mann, dem er sein Leben verdankt, endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denn erst in den letzten Jahren wird allmählich anerkannt, dass Kasztner mehr Juden gerettet hat als jeder andere Jude in der Geschichte des Holocaust.

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