Gestohlene Kindheit

Eine Kindersklavin wird zur Politaktivistin

Als Urmila klein war, wollte sie vor allem eins: in die Schule gehen, um Lesen und Schreiben zu lernen. Aber das durfte sie nicht. Stattdessen musste sie bis zu 18 Stunden am Tag arbeiten - als Leibeigene.

"Ich musste die Kinder meiner Herrin, die genauso alt waren wie ich, zur Schule begleiten und ihre Taschen tragen", erzählt die heute 20-Jährige im aspekte-Interview. "Wenn sie zum Schultor hinein gingen, musste ich draußen stehen bleiben. Darüber war ich sehr traurig." Mit sechs Jahren wurde Urmila von ihren Eltern an einen reichen Fremden verkauft - für 40 Dollar. Kaum zu glauben, aber das ist Tradition bei armen Familien in Nepal. Tausende von Mädchen müssen als "Kamalari", als Kindersklavinnen arbeiten, obwohl das seit elf Jahren verboten ist.

Mädchen sind in Nepal nichts wert

Urmila hat mit der Journalistin Nathalie Schwaiger über diese gestohlene Kindheit ein herzergreifendes Buch geschrieben - darüber, wie aus einem Sklavenkind eine Kämpferin für die Rechte von Mädchen wurde. Denn Mädchen sind in Nepal nichts wert. "Ich glaube, nur wenn man in dieser Kultur aufgewachsen ist und weiß, wie man sich bewegen muss, kann man dann auch wirklich etwas, quasi von unten heraus, ändern", meint Nathalie Schweiger. "Und die Energie, mit der das Urmila und ihre anderen Freundinnen, Kamalari-Mädchen, machen, ist unglaublich."

Urmila kommt aus dem Dorf in die große Stadt Kathmandu. Dort muss sie im Haus ihrer Herrin von morgens vier bis abends zehn schuften. "Ich musste schon morgens zur Wasserstelle gehen, um für 15 Personen Wasser zu holen", erinnert sich Urmila. "Im Winter taten meine Finger weh, weil ich mit eiskaltem Wasser das Geschirr spülen musste. Ich war sehr wütend auf meine Familie. Wenn sie nicht in der Lage waren, mich großzuziehen, warum haben sie mich dann zur Welt gebracht?" Erst nach vier Jahren darf Urmila ihre Familie wieder besuchen. Eine traurige Rückkehr: Sie wird von der eigenen Mutter nicht mehr erkannt.

Projekt zur Rettung der Mädchen

Urmila hat eine große Schar von Nichten und Neffen, darunter auch drei Albinomädchen. Schon damals ringt sie ihrer Familie ein Versprechen ab: "Ich hatte große Sehnsucht nach meinen Eltern. Besonders wenn ich krank war, habe ich mit gewünscht, dass mich jemand in den Arm nimmt und tröstet. Aber es war niemand da. Zu meiner Familie habe ich gesagt: Ich will nicht, dass meine Neffen und Nichten so etwas erleben müssen. Sie waren sehr betroffen und haben mir versprochen, dass sie niemanden mehr als Kamalari wegschicken."

Doch Urmila muss zurück nach Kathmandu. Dort verschlechtert sich ihre Lage dramatisch. Sie wird weitergereicht an eine angesehene Politikerin. Wie sich herausstellt, ist sie eine Tyrannin, deren Launen Urmila schutzlos ausgeliefert ist. Bis sie von einem Projekt zur Rettung von Kamalari-Mädchen hört. Urmila flieht und kommt wie Hunderte anderer Mädchen bei der Hilfsorganisation "Plan International" unter.

"Eine schlechte Tradition"

Endlich kann sie die Schule besuchen - nach zehn Jahren Sklavenarbeit. Urmila ist fünfzehn Jahre alt und fast Analphabetin. Sie hat viel nachzuholen. Jedenfalls hat sie Talent zur Politaktivistin. Sie wird Präsidentin der befreiten Kamalari-Mädchen ihrer Gegend. Gemeinsam führen sie in den Dörfer Singstücke auf, um die Familien zu überzeugen, ihre Töchter nicht mehr zu verkaufen. Dabei werden sie oft angefeindet.

Die Sozialarbeiterin Pratibha Chaudhary von "Plan International" unterstützt die Mädchen. "Langsam ändert sich etwas", sagt sie, "sogar die Eltern sagen inzwischen, dass das eine schlechte Tradition ist. Die Tradition ist tief in den Menschen verankert. Aber es ist eine schlechte Tradition. Deshalb müssen wir sie beenden." Urmila war sogar schon beim nepalesischen Präsidenten, um gegen die Unterdrückung der Mädchen zu protestieren.

Sie will Anwältin werden

Das Wichtigste aber ist: Zusammen mit den anderen Kamalari-Mädchen geht sie zu den Sklavenhaltern, um die Kinder zu befreien. In einem Heim von "Plan" finden die Kinder Unterschupf. Wer nicht zur Schule gehen will, kann eine Ausbildung machen. In ihrer Gegend gibt es fast keine Kamalari mehr. Doch im Nachbardistrikt wartet noch viel Arbeit auf sie. Wenn sie die Schule beendet hat, will Urmila Anwältin werden. Sie will sich für die Menschen einsetzen, die keinen Zugang zu Bildung haben. Urmila und ihre Mitstreiterinnen sind fest entschlossen, die nepalesische Gesellschaft zu verändern.

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