Gigantisches in Zement

Bauboom in Saudi-Arabien

Dem heiligen Mekka schlägt die Stunde von einem 600 Meter hohen Uhrturm. Der Baukonzern Bin Laden hat dieses städtebauliche Verbrechen auf dem Gewissen, entworfen vom Stuttgarter Architekten Mahmud Bodo Rasch. Die Aura der Stadt, in deren Richtung die Moslems der ganzen Welt ihr Haupt beugen, ist zerstört.

Gegen den Verlust der historischen Altstadt sind die Glaubenswächter nicht eingeschritten. Sind geldgierige Spekulanten weniger schlimm als Auto fahrende Frauen? "Traurig genug: In Mekka ist unser Erbe, sind die meisten alten Gebäude verloren", sagt Stadtplaner Adnan Adas. "Denn es herrscht enormer wirtschaftlicher Druck, die Millionen Pilger unterzubringen. Die Bauherren und das kommerzielle Interesse treiben die Spekulation - mehr als in Dschiddah."

Öl-Reichtum, der das Alte gering schätzte

In Dschiddah existiert die Altstadt noch - freilich in ruinösem Zustand. Erst in den vergangenen 30 Jahren sind viele dieser herrlichen, jahrhundertealten Gebäude zerfallen. Ihre meist wohlhabenden Besitzer spekulieren mit Abriss. Illegale Arbeiter hausen hier. Als Weltkulturerbe soll das alte Zentrum Dschiddahs auferstehen. Adnan Adas ist verantwortlich für den Denkmalschutz. Notfalls können Besitzer enteignet werden. An Geld mangelt es nicht, aber zum Beispiel an Handwerkern, die die alten Techniken beherrschen. Die ersten Gebäude werden jetzt mustergültig restauriert. "Wir versuchen so viele Gebäude zu retten, wie wir können", sagt Adas. "Wir haben ein Programm zur Soforthilfe. Damit haben wir etwa 20 Häuser gerettet. Und bald wird unser Wiederaufbauprogramm starten. So Gott will."

Im ehemals amerikanischen Konsulat Dschiddahs wurde der erste Ölkontrakt unterzeichnet. Mit dem Öl kam ein Reichtum, der das Alte gering schätzte. Adas weiß, wie dringend da eingeschritten werden muss. Architekt Sami Angawi demonstriert mit seinem Privathaus, dass Moderne und Tradition einander nicht ausschließen. Das zeigen Materialien, Architektur und Natur - energiesparende Methoden der Durchlüftung und Kühlung, ein Swimmingpool. Saudi-Arabien beginnt sich auf seiner verschütteten kulturellen Wurzeln zu besinnen. Auch mit Hilfe von außen. Der Architekt Angawi war ein Schüler des deutschen Baukünstlers Frei Otto. Der hat in der Hauptstadt Riad ein Gästehaus entworfen - mit Stilelementen und Material der arabischen Wüste. Ein Meisterwerk im streng abgeschirmten Diplomatenviertel. Andere Wahrzeichen Riads, der Al Faisaliyah Tower, ein Werk von Reichstagskuppel-Architekt Norman Foster zum Beispiel, könnte dagegen in vielen Metropolen der Welt stehen.

Sichtbarer Wandel durch neue Architektur

Fünf Millionen Menschen leben heute in Riad. Vor 60 Jahren waren es noch 50.000. Der Ölboom hat die Stadt explodieren lassen. Trotzdem ist Riad eine gut organisierte, angenehme, sichere Metropole geworden. Die Kehrseite: das strenge Regime. Die neue Nationalbibliothek hat das deutsche Architekturbüro Gerber entworfen. Der quadratische Neubau mit 140 Metern Seitenlänge umschließt und erweitert die alte Bibliothek. Den Bau führt auch hier der Bin Laden-Konzern aus, mit überwiegend ausländischen Arbeitern und weit entfernt von deutschen Qualitätsstandards, wie der verantwortliche Architekt Thomas Lücking beklagt. Auch in Saudi-Arabien lesen Frauen mehr als Männer. Aber die für Männer reservierte Fläche ist vier Mal so groß wie dieser allein Frauen zugängliche Lesesaal. Bis über 50 Grad heiß werden die Sommer. Sonnensegel beschatten die Fassade. Sie zitieren arabische Formen und helfen Energie sparen.

In zehn Jahren soll Riad auf acht Millionen Einwohner gewachsen sein. Es entstehen neue Zentren; "Economic Cities" genannt. Wenn der Wandel glückt, wenn die Gesellschaft sich nach innen wie nach außen öffnet, wird Saudi-Arabien seinen eigenen Weg gehen können. Gewaltfrei, auch zu unserem Vorteil.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet