Glanz und Tragik im Exil

Roman über die Freunde Feuchtwanger und Brecht

Als Muster an Disziplin beginnt Lion Feuchtwanger seinen Tag regelmäßig mit sportlichen Übungen. Der 72-Jährige hat gerade eine Prostata-Operation hinter sich und will geschmeidig bleiben - nicht nur als Schriftsteller. Doch eine Todesnachricht reißt ihn aus der Morgenroutine: Bertolt Brecht ist am 15. August 1956 gestorben.

Feuchtwanger erfährt es per Telegramm aus Ost-Berlin. Dabei war Brecht 16 Jahre jünger als er, ist sein erster Gedanke. Erst dann beginnt das Begreifen: Brecht war vermutlich sein einziger Freund, eine Art Adoptivsohn fast, lange vor dem gemeinsamen Exil in Kalifornien.

"Brecht hat ihm unglaublich imponiert"

"Als Autorencharaktere konnte man unterschiedlicher gar nicht sein", sagt Schriftsteller und Brecht-Kenner Klaus Modick, "hier Lion Feuchtwanger, ein literarisch sehr guter Handwerker, der einen Erfolgsroman nach dem anderen schrieb und am Ende so eine Art Großindustrieller der Literatur wurde. Und dann kommt da plötzlich so ein fast 20 Jahre jüngerer ungewaschener, unrasierter Typ aus Augsburg, der kann das alles sofort und ohne sich groß um Regeln zu scheren. Das hat Feuchtwanger unglaublich imponiert. Brecht war dann Feuchtwangers Entdeckung und seitdem hat Feuchtwanger alles, aber auch alles dafür getan, Brecht durchzusetzen."

In seinem Roman "Sunset" erzählt Klaus Modick jetzt von dem ungleichen Freundespaar Feuchtwanger und Brecht - und spielt dabei einen Heimvorteil aus: Feuchtwangers einstiges Wohnhaus, die Villa Aurora am Rande von Los Angeles, dient heute als deutsches Kulturzentrum. Ein halbes Jahr lang lebte und arbeitete Modick dort. Unter den Palmen, die Feuchtwanger nach genauem Plan pflanzen ließ, zwischen den Bücherregalen, die der obsessive Büchersammler im Laufe seines Lebens füllte. Und mit den Bildern, die Feuchtwanger - auch dies sehr durchdacht - an seine Wände hing. Feuchtwangers schöne Frau Marta hat Schildkröten angeschafft, die der Gatte regelmäßig füttern muss. Sie passen ganz gut zu ihm, findet Feuchtwanger, der stetige Fleißarbeiter.

Schürzenjäger Feuchtwanger

Oder sind die Haustiere nur Kinderersatz? Wieder ist Feuchtwanger in Gedanken beim toten Brecht. "Gedenkt unser mit Nachsicht", hatte der geschrieben. Feuchtwanger hatte mit Nachsicht nie ein Problem. Ob ihm Brecht nun auf der Flucht vor den Nazis ungefragt das Konto abräumte oder beim gemeinsamen Schreiben fluchend an die Decke ging. Einmal konnte Feuchtwanger den wütenden Brecht nur durch eine Einladung in den Puff von Santa Monica besänftigen. "Ja, Feuchtwanger lädt Brecht in den Puff ein", erzählt Modick, "weil Brecht bei seinen Freunden Eisler und Feuchtwanger gegen die Wand läuft mit seiner Schnapsidee, das Kommunistische Manifest in Hexametern aufzuschreiben, ausgelacht wird und vor Wut einem Herzinfarkt nahe kommt. Am Ende landen sie dann an Brechts Haus in Santa Monica - vor dem Haus steht Brechts 13-jährige Tochter in einem neuen roten Kleid und Brecht herrscht sie an, sie solle sofort ins Haus verschwinden und sich nicht wie eine Nutte an der Ecke rumdrücken."

Brechts Haus in Santa Monica ist im Vergleich zur Villa Feuchtwangers ein bescheidenes Heim. Doch der "arme BB" hat dafür Glück bei den Frauen: An der Westküste teilt er das Bett mit Helene Weigel, an der Ostküste lebt er seine Romanze mit Ruth Berlau aus. Feuchtwanger dagegen gilt als treu. Kein Wunder bei Marta, seiner überragenden Frau, heißt es. Klaus Modick zeigt jetzt, wie trügerisch dieses Bild ist. Als Erotomane stand Feuchtwanger Brecht nämlich kaum nach, wie sein intimes Tagebuch beweist. "Eigentlich ist das Tagebuch eine ziemlich langweilige Lektüre, weil es nichts Erotisches hat, sondern ein reine Buchhaltung ist", sagt Modick, "aber doch interessant, weil es dieser Figur so eine Facette zufügt, mit der man eigentlich nicht gerechnet hätte. Denn Feuchtwanger hat von sich selbst mal gesagt, er sei der kleinste und hässlichste Jude Münchens gewesen. Und ausgerechnet der entpuppt sich jetzt als ungeheurer Schürzenjäger und Weiberheld."

Aversionen, Neid, Klatsch unter Exilanten

Noch erstaunlicher ist, dass Feuchtwanger seine ständigen Seitensprünge vor der deutschen Exilgemeinde geheim halten kann, die sich bei Feuchtwangers zu Lesungen trifft. Welche Bemerkung wäre dem großen Thomas Mann, der Feuchtwanger gern spöttisch als "kleinen Meister" ansprach, wohl zu dessen Eskapaden eingefallen? Zu Bertolt Brecht hingegen wusste Thomas Mann meist beredt zu schweigen. Nur sein süffisanter Ausruf "Das Scheusal hat ja Talent" ist überliefert. "Das war diese Exilsituation", sagt Klaus Modick, "da blühten natürlich Aversionen, Neid, Eifersucht, Vorurteile, Klatsch. Und der Weg des Klatsches war besonders kurz."

Das Leben der deutschen Exilanten - Klaus Modick zeigt im schillernd Privaten zugleich das persönlich und politisch Tragische. Bert Brecht geht im Exil als Dramatiker fast zugrunde. Selbst ein Filmstar wie Charles Laughton kann seinem epischen Theater nicht aufhelfen. Seinem Freund Lion Feuchtwanger wird bis zu seinem Tod 1958 die amerikanische Staatsbürgerschaft verweigert. Beide, Brecht und Feuchtwanger, werden jahrelang vom FBI. überwacht und 1946 Opfer der McCarthy-Ära. "Das gehört zur Tragik der Intellektuellen des 20. Jahrhunderts", so Klaus Modick, "die werden im wahrsten Sinne des Wortes um die halbe Welt gejagt und dann fast kafkaesk kujoniert von Gesinnungsschnüffelei und einem irgendwie fast faschistoid werdenden Staat."

Abschied für immer

Als Brecht und Feuchtwanger im Oktober 1947 für immer voneinander Abschied nehmen, schütteln sie sich die Hände. Man umarmt sich nicht, nur weil der eine nach Deutschland zurückkehrt, der andere in Amerika bleibt. Das wäre Brecht - bei aller Freundschaft - wohl zu pathetisch gewesen.

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