Göttliche Kunst

Graffiti-Künstler gestaltet eine Kirche

Tiefste badische Provinz, ein Dorf nahe der Grenze, Einfamilienhausidyll. Und eine Kirche, die dem Abriss geweiht ist, weil seit Jahren keiner mehr kommt. Ungeliebte 60er-Jahre-Architektur - ein absehbares Schicksal? Nicht in Goldscheuer.

Dorfkirche in Goldscheuer
Dorfkirche in Goldscheuer Quelle: ZDF

Denn hier lebt ein Pfarrer, der eine Erleuchtung hatte: "Dann hab ich aber gesagt, 'Mensch, ich fände es aber gut, wenn nicht nur ein bisschen renoviert würde, sondern wenn noch eine Idee rein käme, so ein bisschen was Anziehenderes'", so der Pfarrer Thomas Braunstein. Kunst ist göttlich - und dieser Mann ein göttlicher Künstler - dachte sich der Pfarrer: Stefan Strumbel. Seit Jahren arbeitet er mit Heiligenfiguren und provoziert damit. Ausgerechnet er soll der Kirche nun einen heiligen Glanz verleihen.


Strumbel geht es um Heimat, um Tradition - darum, all diese Klischees zu brechen. Ein Heimatkünstler, dessen Werke den Schwarzwald längst hinter sich lassen und es bis in das New York Times Magazine geschafft haben. Aufregen wollte Strumbel schon in jungen Jahren. Nächtliche Ausflüge mit der Spraydose - grelle Farbe auf Wänden und Zügen - ein Ausbruch, eine damals jugendliche Rebellion. "Früher habe ich das total gelebt, bin morgens damit aufgewacht und nachts wieder und das war eine Lebenseinstellung und das finde ich auch wichtig, wenn man die Kultur richtig lebt", erzählt Stefan Strumbel - und dass sich bald schon die Polizei für seine nächtlichen Ausflüge interessierte.

Lagerfeld kauft Strumbel

Heute kauft Karl Lagerfeld seine Uhren. Und damit ein Stück Provokation, das immer noch in Strumbels Werken steckt. Marienfigur, Schusswaffe, Bollenhut - den Gläubigen in Goldscheuer kam das am Anfang eher teuflisch vor. "Eine Madonna mit Bollenhut, dem typischen Schwarzwälderhut und dann sogar eine Madonna mit Kalaschnikow, also das war für mich nicht nachvollziehbar, dass so ein Künstler eine katholische Kirche ausgestalten soll", erinnert sich Renate Hauer, die Pfarrgemeinderatsvorsitzende von Goldscheuer.

Stefan Strumbel
Stefan Strumbel Quelle: ZDF

Kruzifixe in neongelb besprüht gehören für Stefan Strumbel genauso ins Wohnzimmer wie die Kuckucksuhr. Verkörpern für ihn eher ein Gefühl von zu Hause, als den christlichen Glauben. Jesus am Kreuz - eine Art Gartenzwerg fürs Wohnzimmer? "Die katholische Kirche ist mir eigentlich egal. Bis auf die Kunst. Weil die mich schon seit langem inspiriert. Man sieht es definitiv in meinen Arbeiten, die ganzen Symbole, die ich übernehme, die faszinieren mich. Und die Macht der Symbole der Kirche", sagt Stefan Strumbel.

Sprayer im Gotteshaus

Weil er die Macht der Symbolik versteht, kommt es zum Wunder zu Goldscheuer: ein Sprayer im Gotteshaus! Das sechs Meter hohe Madonnenbild ist Stefan Strumbels größte Herausforderung. Wie man mit großen Wänden umgeht - das hat er in seinen wilden Jugendjahren gelernt. Dass er einmal - ganz legal - das gesamte Innere einer Kirche gestalten würde - das hatte er damals nicht gedacht. Für Stefan Strumbel ist das eine ganz besondere Erfahrung: "Hier kann ich mich richtig ausdrücken und kann Heimat, was mein Thema ist, komplett umsetzen. Ich mache es auch für die Menschen und für die Gemeinde, die sich hier wohlfühlen muss, an einem Ort, den sie vorher vielleicht gar nicht so wahrgenommen hat wie jetzt."

Aus der Betongruft ist ein Hingucker geworden. Die große Provokation hat Stefan Strumbel hier trotzdem nicht gewagt. Die Madonna des Heimatkünstlers trägt diesmal Schleifenhaube - in badischer Tradition. Und die Goldscheurer? Kommen in ihre Kirche. Und glauben. An die Wiederauferstehung der, nein, ihrer Kirche.

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