Griechische Tragödie in der Schweiz

"Massimo Marini" - Rolf Dobellis Immigrantenepos

17. Oktober 2007: Erster Durchstich im Gotthard-Basistunnel - mit 57 Kilometern der längste Tunnel der Welt. Ein Jahrhundertbauwerk. Für Massimo Marini, den Chef der Marini Bau AG, eigentlich ein Grund zum Feiern. Wäre nicht gerade sein Sohn entführt worden ...

Ein halbes Jahrhundert zuvor war Massimo Marini in die Schweiz gekommen, heimlich eingeschmuggelt in einem Koffer. Ein Baby, gerade mal ein paar Monate alt. Neun Jahre lang lebte er versteckt. Seine Eltern waren Italiener, die in der Schweiz arbeiten durften - und sonst nichts. Fremdarbeiter ohne Rechte, untergebracht in Baracken, nach Geschlechtern getrennt. "Familiennachzug war nicht erlaubt nach diesem Gesetz damals in der Schweiz", weiß Rolf Dobelli, Autor des Buches "Massimo Marini", "und entweder man gab die Kinder den Großeltern, die in Italien waren oder man hat sie eben reingeschmuggelt. Und ich habe von vielen Fällen gehört, wo Kinder reingeschmuggelt wurden."

Der Einwanderer-Sohn rebelliert

Die Eltern passten sich an - für ihren Traum von einem besseren Leben. Mit eiserner Disziplin brachten sie es von ungelernten Arbeitern zur Gründung eines eigenen Tunnelbau-Unternehmens. Und der Sohn? Massimo Marini rebellierte - gegen ein System, in dem er lange nicht existieren durfte. Als die Zürcher Oper für 60 Millionen Franken renoviert werden sollte, während für ein Jugendzentrum das Geld fehlte, war Massimo bei den gewaltsamen Protesten an vorderster Front dabei - zum Entsetzen seiner Eltern.

"Die Einwanderer wollten ja bürgerlich werden, die wollten ja dann auch mal Opernhausgänger werden", so Dobelli. "Das ist wie der 'American Dream', wo in den USA alle verschmelzen unter einer gleichen Ideologie - so war es damals bei der Integration der Italiener, der Spanier und der Portugiesen in der Schweiz. Die wollten möglichst Schweizer werden, die wollten diesen 'Swiss Dream' haben und da gehörte eben auch dazu, dass man dann irgendwann in die Oper geht - oder vielleicht eine Generation später in die Oper geht. Darum waren Opernhauskrawalle völlig ausgeschlossen." Dobellis Buch erzählt viele Geschichten: die des neuen Gotthard-Tunnels, die der Schweiz und ihrer Einwanderer und die von Massimo Marini und seiner Verwandlung. Vom Demonstranten zum Unternehmer, vom Linken zum Rechten, vom illegalen Einwandererkind zum Chef des bedeutendsten Prestigebaus der Schweiz.

Schuldhafte Verfehlungen

"Der Durchstich ist der Höhepunkt dieses Jahrhundertbauwerks", so Dobelli. "Man hat jetzt jahrzehntelang daran gearbeitet, geplant und gearbeitet und das rückt Europa näher zusammen. Norden und Süden kommen viel näher zusammen. In der Geschichte, im Roman von Massimo Marini, ist es natürlich genauso, dass das die Symbolik dieses Weges von den Eltern von Massimo und auch von Massimo ist, die vom Süden in den Norden eingewandert sind."

"Manchmal braucht es einen Tunnel, um in ein anderes Tal zu gelangen", sagt Marini, der es liebt, Gedanken-Gebäude zu sprengen und dabei den Tunnel zu seiner Seele freilegt. Aber: Ein Tunnel bedeutet immer auch Zerstörung. Und unbeschädigt kommt im Roman niemand davon. Als sein entführter Sohn gefunden wird, zeigt sich auch Marinis schuldhafte Verstrickung. Dobellis Buch ist dramatisch, ein Thriller von der Wucht einer griechischen Tragödie. In Massimos Leben bleibt kein Stein auf dem anderen.

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