Gururi No Koto/All Around Us

Nüchtern gezeichnetes Beziehungsdrama aus Japan

"Gururi No Koto" ist ein japanisches Gesellschaftsporträt, das sich vor allem dem gewandelten Verhältnis zu Sexualität und Gewalt im Japan der neunziger Jahre widmet. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Paares, Shoko und Kanao, die ihr erstes Kind erwarten, das jedoch kurz nach der Geburt stirbt.

Jeder der beiden scheint nun mehr als zuvor sein eigenes Leben zu leben, Shoko als Lektorin in einem Verlag, Kanao als Porträtzeichner im Gericht. Hier ist er stiller Beobachter von Angeklagten wie auch Angehörigen grausamer Kindsmorde, was ihn den Verlust seines eigenen Kindes langsam verarbeiten lässt. Seine Frau hingegen fällt in Depressionen und muss ihren Job aufgeben. Doch als Shoko in ihrer Therapie beginnt zu malen, finden die beiden langsam zueinander.

Nur Sprechen über Sex

"Leg Lippenstift auf", sagt Kanao zu seiner schwangeren, aber noch schlanken Frau. Sonst könne er nicht mit ihr schlafen, zumindest nicht jetzt, müde von der Arbeit, auf Befehl, so wie sie es will. "Wenn du ein Essen zubereitest", erklärt er ihr, dann gibst du dir doch auch Mühe es schön anzurichten, es auf einem Teller zu drapieren und den Appetit anzuregen und wirfst es nicht auf einen Pappteller. Shoko weigert sich. Dies ist eine der wenigen Szenen in "Gururi No Koto/All Around Us", in denen Kanao und seine Frau Shoko miteinander sprechen, ja miteinander streiten, doch auch hier reden sie aneinander vorbei, verhandeln über Sex, ohne dabei auch Gefühle zu meinen.

Der japanische Regisseur Hashigushi Ryosuke setzt in seinem nüchtern beobachtenden Beziehungsdrama das hemmungslose, obszöne und detaillierte Sprechen über Sex gegen die eigentliche körperlich und emotionale Distanz, die zwischen dem Paar steht. Während auch unter den Freunden ständig das Thema Sex diskutiert wird, werden ganz kleine Berührungen wie das Ergreifen der Hand des Partners zu intimen Handlungen. Ergänzt und begleitet wird diese Studie zweier Menschen, die erst nach dem Tod ihres Babys langsam zueinander finden, von einem Porträt der zunehmenden Gewalt in der japanischen Gesellschaft.

Eindringliche Metaphern

Kanao, der Gerichtszeichner, beobachtet still einige der grausamsten Mordfälle der neunziger Jahre in Japan. Es sind vor allem wegen Kindsmordes Angeklagte, die Kanao - selbst im Stillen um sein verstorbenes Kind trauernd - ohne sie zu verurteilen porträtiert. Offen verhandelte Brutalität und Mangel an Empathie werden gegen Sprachlosigkeit von Emotionen wie Trauer oder Schmerz gesetzt.

Der Film findet dafür eindringliche Metaphern und Bilder, die der beobachtenden Rolle des Zeichners entsprechen. So bricht der Schmerz über den Verlust des Kindes aus Shoko heraus, als bei einem gemeinsamen Essen mit Shokos Schwester und ihrem Mann eine Spinne auftaucht, die Kanao zu töten versucht. Diesmal schafft es Shoko das Tier zu retten, doch einige Wochen später tötet ihr Mann die Spinne, bevor sie eingreifen kann.

Moment der Nähe

Plötzlich löst dies bei Shoko einen Weinkrampf aus. Man möchte Kanao anstoßen, seine Frau doch endlich einfach in den Arm zu nehmen. Er tut es nicht, doch er streicht ihr die Tränen aus dem Gesicht, sie legt schließlich ihren Kopf an seine Schulter. Dies ist eine viel tiefere Nähe, als sie bis dorthin in "Gururi No Koto" gezeigt wurde.

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