Heroen unter sich

Anselm Kiefer meets Rembrandt

Anselm Kiefer - seines Zeichens Heroe der Kunstgeschichte. Mit 66 Jahren ist er in allen wichtigen Museen vertreten. Sogar im Louvre, wo kaum ein Werk lebender Künstler hängt, durfte er sich mit seiner Kunst schon verewigen. Naheliegend, dass ein anderer Tempel der Kunst - das Amsterdamer Rijksmuseum - ihn einlädt, sich mit einem noch berühmteren Heroen zu messen: Rembrandt Harmenszoon van Rijn.

Kiefer soll eine künstlerische "Antwort" auf die "Nachtwache" gestalten - eines der bekanntesten Bilder der Welt. Doch Kiefer wäre nicht Kiefer, wäre er dabei nicht einen kleinen Umweg gegangen. "Ich bin mit 16 durch Belgien, Holland und Frankreich gefahren mit dem Fahrrad", erzählt Kiefer. "'Auf den Spuren van Goghs' hieß das. Und als ich nun gefragt wurde wegen der 'Nachtwache' - da fiel mir zuerst van Gogh ein."

"Das war nicht die Erwartung"

ine Vitrine hat er aufgestellt. Er nennt sie "La berceuse". Es ist der Titel eines van-Gogh-Gemäldes von 1889. "La berceuse" - das Schlaflied, von der Amme gesungen. Die Schnur in der Hand für die Wiege. "Ich habe dann, nachdem ich diese Idee hatte - mehr ein Werk zu van Gogh zu machen - immer mehr die Beziehung zu Rembrandt gespürt", sagt Kiefer. Das Museum bekam also ein Kunstwerk, das sich erstmal auf van Gogh bezieht. Genau wie Rembrandt liebt auch Kiefer die Überraschung: "Ich glaube nicht, dass das die Erwartung war, dass ich da drei Vitrinen hinstelle, mit Sonnenblumen, die nach unten zeigen und die van Gogh gewidmet sind."

Im Museum treffen die Werke nun aufeinander. Das Werk Kiefers scheint ein anderes geworden zu sein. Ein mächtiger Vorgänger, dieser Rembrandt. Seine "Nachtwache" - eines der rätselhaftesten Gemälde: Das Gruppenportrait der Schützengilde von Amsterdam, 1642. Die Schützen sind keine Kämpfer, sondern betuchte Bürger in Abendrobe. Rembrandt brüskiert damals die Auftraggeber. Er macht viele zu Statisten. Es ist kein Gruppenportrait wie in der Zeit üblich. "Wenn man das Bild mit den anderen Gilden-Bildern vergleicht, dann ist das keine fertige Situation", sagt Kiefer. "Es ist ein Aufbruch. Es ist nichts fertiges. Ein 'Noch nicht'. Das war es, was mich dazu gebracht hat, das mit van Gogh zu kombinieren. Denn bei van Gogh ist das auch ein 'Noch nicht."

Verbindendes Leiden


Van Gogh und Rembrandt sind beide 36, als sie "Nachtwache" beziehungsweise "La berceuse" malen. Außerdem verbindet sie das Leiden: Beide stehen mit 36 vor einer großen Krise. Rembrandt verliert seine Frau und verschuldet sich ruinös. Van Gogh stirbt mit 37 Jahren von eigener Hand. Hätte Rembrandt van Goghs Kunst verstanden? Anselm Kiefer meint: "Der Rembrandt war ja ein Mensch nach der Krise. Nach dem Bankrott. Das kann man an seinen späten Selbstbildnissen sehen. Ein Mensch, der ein sehr existenzielles Empfinden hatte. Der viel gelitten hat. Der das Leben mit all seinen Höhen und Tiefen gekannt hat. Und der würde so ein Werk wie das van Gogh'sche bestimmt sofort tief verstehen."


Anselm Kiefer hat für seine Rembrandt-Arbeit van Gogh als Mittler genommen. Nur auf den ersten Blick eine willkürliche Entscheidung. "Ich stehe auch in einem System, sehe die künstlerische Freiheit nicht so, wie manche sie sehen", so Kiefer, "ich habe nicht die Freiheit, zu machen, was mir gerade einfällt. Ich habe den Zwang zum Präzisen." Das Ergebnis kann man auch ohne Wissen über van Gogh und Rembrandt einfach genießen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet