Höllenritt durch den heißen Norden

Carlos Busqueds grandioser Erstlingsroman

Carlos Busqued ist das unbestrittene neue Enfant Terrible der argentinischen Literaturszene - ein radikaler Außenseiter. Bislang vollständig unbekannt und ohne jegliche literarischen Vorarbeiten, schrieb er sich mit 40 Jahren einen Roman von der Seele.

"Unter dieser furchterregenden Sonne" dörren Mensch und Natur in Carlos Busqueds gleichnamigem Roman. Busqued erkundet den verlassensten und vergessensten Winkel Argentiniens: den Chaco. Die ärmste Provinz des Landes im Norden ist seine Heimat. Eine eintönige, endlose Steppe, die in kein Argentinien-Klischee passen will. Busqued selbst nennt den Chaco auch "das Uganda Argentiniens".

Diktatur hat Kriminelle hinterlassen

Sein Buch ist wohl der erste Roman überhaupt, der dort geschrieben wurde. Besonders einladend ist er für schöngeistige Literaten nun wirklich nicht. "Wenn die Sonne hier brennt, brennt sie einem das Hirn weg", sagt Carlos Busqued. "Der Chaco ist einer dieser Orte, wo die Natur noch Feind des Menschen ist und ihm auflauert. Wenn du hier im Freien einmal hinfällst, haben die Raubtiere in kürzester deinen Körper bis auf die Knochen aufgefressen." Eher Raubtiere als Menschen sind auch die Figuren seines Romans. Dokumentarfilme über Riesenkraken und Pornos sind das Einzige, was sie interessiert. Dazu dröhnen sie sich mit Marihuana voll bis zur Abstumpfung.

Doch Busqued setzt nicht auf Skandaleffekte. Sein Roman ist hochpolitisch. Denn die verblödeten Kiffer sind hochrangige Militärs. Für eine Handvoll Pesos entführen und foltern sie im Nebenjob Menschen - oder lassen sie "verschwinden". Und: Alle Figuren haben reale Vorbilder. Busqued muss es wissen. Sein Vater war hoher Funktionär der Militärdiktatur. Von einem stillgelegten Flugplatz, an dem Busqued seine Kindheit verbrachte, flogen die Kameraden seines Vaters los, um Opfer über dem Urwald zu "entsorgen". Warum also nicht einfach weitermachen? "Die Diktatur hat eine kriminelle Ordnung hinterlassen - eine Raubtier-Gesellschaft. Drogenhändler, Autodiebe, professionelle Entführer von heute - sie alle waren einmal Militärs", so Busqued. "Sie nutzen ihre Erfahrungen von damals und machen, was sie am besten können - foltern, morden, erpressen. In diesem Punkt ist mein Buch völlig fantasielos. Speziell das 'Entführungs-Business' ist ganz in Händen von Leuten aus der Diktatur. Und von Polizisten. Hier und heute."

"Das Land ist verrottet"

Das Zentrum von Busqueds Universum ist das verarmte Kaff Lapachito, ein Ort, der nicht einmal mehr mit dem Zug erreicht werden kann. Lapachitos Friedhof wird heute zur Schweinezucht verwendet, die Gräber sind aufgebrochen, und Busqueds Protagonisten finden nichts dabei, aus den Gräbern die Knochen ihre Angehörigen zu stehlen, ehe die Schweine darüber herfallen. Dies sei zumindest ein ehrlicher Umgang mit dem Tod Carlos Busqued: "Gewalt und Tod sind in meinem Buch eine Metapher dafür, wie verrottet unser Land heute ist. Zugleich aber zeigt man die Prüderie, die man früher gegenüber Sex hatte, heute dem Tod gegenüber. Er wird so gut wie möglich verdrängt. Hier im Chaco dagegen sind die Menschen eng mit dem Tod verbunden - und sehr wenig mit dem Leben. Alles hier ist eigentlich ein einziges großes Todesritual."

Totzukriegen ist aber auch hier nicht eine gewisse Latino-Lebensfreude. Und selbst wenn allerorts Entführer auf die Kinder lauern - eine überalterte Gesellschaft wie in Europa ist der Chaco nicht. Ob das wirklich so gut so ist? Carlos Busqued hat seine Zweifel. Eigentlich fände er es besser, wenn die Menschen ausstürben. Er verbringt die meiste Zeit mit einem Joint und seinem Axolotl, einem raren, bizarren Amphibium, das er zur heimlichen Hauptfigur seines Romans machte.

"Keinerlei Glauben an den Menschen"

Der weltflüchtige Nihilist Busqued findet in seiner winzigen Wohnung alles, was er zum Schreiben braucht: Riesentintenfische an der Wand und im Fernsehen, Militärflugzeuge, Haifischgebisse, Waffen und Erschießungsszenen. Seine Bücher konzipiert er mit Filzstiften auf Riesenstellwände. Plagen ihn Selbstzweifel, nimmt er sich ein Beispiel an seinem Axolotl. "Ich habe keinerlei Glauben an den Menschen", erklärt Busqued. "Und dies, weil sämtliche andere Tiere viel angenehmer sind als der Mensch. Gerade der Axolotl - er ist eine Art ewige Larve. Er wird nie erwachsen, so wie eine Kaulquappe, die nie zum Frosch wird. Ich liebe dieses Tier, denn ich fühle mich ihm seltsam verwandt. Auch ich bin eine Larve, die wohl nie zur Reife gelangen wird."

Das könnte sein - mit erst vierzig Jahre schrieb Carlos Busqued seine erste literarische Zeile. Dieser Autor taucht gerade aus Nichts aus, ohne Beziehungen und Protektionen. Und doch macht sein radikales, zutiefst verstörendes Werk von ganz allein Furore. Denn es ist der wohl mitreißendste Erstling dieses Herbstes.

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