Hormone machen Weltpolitik

Herles' Notizen aus Berlin

Es besteht ja doch kein Zweifel: Dominique Strauss-Kahn hat mit seiner Straftat nicht bloß ein Zimmermädchen in New York verletzt. Er hat den Interessen Europas geschadet, also uns allen. Denn er war unser Mann auf der Kommandobrücke der Weltwirtschaft. Gespenstisch mutet es an, wenn jetzt nur noch über das Sexualverhalten des Mannes geredet wird statt über seine Qualitäten als Politiker. Hormone machen Weltpolitik.

Strauss-Kahn hat seine Macht als Privatmann missbraucht. Offenbar glauben viele Mächtige, sie seien unverwundbar und könnten sich ungeniert ihre eigenen Gesetze machen. Das ist das eine.

Gerechter Spießrutenlauf?

Das andere: Strauss-Kahn wird zur Höchststrafe verurteilt, noch ehe der Prozess beginnt. Sein Spießrutenlauf vor den Fernsehkameras der Welt vernichtet den Politiker auf lebenslänglich. Vielleicht glauben Sie ja auch, es sei nur gerecht, wenn der Präsident des Weltwährungsfonds in Handschellen vorgeführt wird wie alle anderen mutmaßlichen Kriminellen auch.

Aber alle anderen laufen eben nicht in allen Programmen. Ungleiche gleich zu behandeln kann höchst ungerecht sein. Über die westliche Gesellschaft sei der "puritanische Irrsinn" gekommen, sagt Frankreichs Star-Intellektueller Bernard Henry-Levi. Recht hat er!

Gestörte Verhältnisse

Es gilt wohl: eine Gesellschaft, die ihre Moralvorstellungen selbstgerecht aufbläht, landet erst recht in der doppelten Moral. Auch und gerade Amerika. Die Strafe, die Strauss-Kahn droht, bekommen hierzulande Mörder. Im Fernsehen werden blutrünstige Gemetzel rund um die Uhr jugendfrei ausgestrahlt. Aber niemals darf ein unbedecktes primäres Geschlechtsmerkmal, geschweige denn eine sexuelle Handlung, im Bild erscheinen.

Die Folterer von Abu Ghraib werden nachsichtiger behandelt als ein lüsterner alter Herr. Ich denke, nicht nur Dominique Strauss-Kahn hat ein gestörtes Verhältnis zur Gewalt und zur Sexualität.

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