Die Themen am 7. Oktober 2016

Moderation: Katty Salié & Jo Schück

Kultur | aspekte - Die Themen am 7. Oktober 2016

Gäste und Themen der Kultursendung am Freitag ab 23:25 Uhr.

Beitragslänge:
30 min
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Die Themen und Gäste unserer Kultursendung am Freitag ab 23.25 Uhr.

"Der Fall Kalinka" im Kino

Vergeltung für die tote Tochter

Mühlheim, Frankreich: In einer Oktobernacht des Jahres 2009 liegt ein gefesselter, entführter Mann neben dem Justizgebäude. Ein spektakulärer Fall von Selbstjustiz aus Verzweiflung: 27 Jahre lang hatte der Franzose André Bamberski vergeblich versucht, den Deutschen Dieter Krombach – den Mann, der seine Tochter getötet hat – vor Gericht zu bringen. Ein französischer Spielfilm widmet sich jetzt den wahren Begebenheiten, die am 10. Juli 1982 ihren Anfang nahmen.

An diesem Tag erfährt André Bamberski (Daniel Auteuil), dass seine Tochter Kalinka tot ist. Sie war 14 Jahre alt und verbrachte die Ferien bei ihrer Mutter und ihrem deutschen Stiefvater, dem Arzt Dieter Krombach (Sebastian Koch), in Lindau am Bodensee. Die Begleitumstände ihres Todes erscheinen schon bald suspekt: Sowohl das Verhalten Krombachs als auch der Autopsiebericht lassen viele Fragen offen. Von der Schuld Krombachs als Mörder Kalinkas überzeugt, kennt Bamberski nur noch ein Ziel: ihn zu überführen und damit Gerechtigkeit für seine Tochter zu erlangen. Es beginnt ein Kampf gegen die Justiz, der 27 Jahre dauern soll, zur Obsession seines Lebens wird und schließlich darin mündet, dass Bamberski Krombach entführen lässt, um ihn endlich seiner Strafe zuzuführen. Wahrscheinlich hatte Krombach dem Mädchen in jener Nacht eine Injektion verabreicht, um sie bewegungsunfähig zu machen und anschließend zu missbrauchen. Kalinka fiel ins Koma und starb an ihrem Erbrochenen. Die Geschehnisse sind vor allem ein deutscher Justizskandal: eine völlig unzureichende Autopsie, schlampige Ermittlungen und Ignoranz führten dazu, dass Krombach in Deutschland weder angeklagt noch an Frankreich ausgeliefert wurde. Erst als Krombach 1997 wegen Vergewaltigung einer 16jährigen Patientin verurteilt wird und sich noch andere Opfer melden, schenkte man Bamberski Glauben. 2011 wurde Dieter Krombach in Frankreich zu 15 Jahren Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilt. Exklusiv in aspekte erzählt André Bamberski von seinem langen Kampf im Namen seiner Tochter.

Wolf Biermanns Autobiographie

"Warte nicht auf bessre Zeiten!"
Es ist ein Rätsel, warum die Leute den Liedermacher Wolf Biermann (die Berufsbezeichnung "Liedermacher" schuf er übrigens selbst, wie man jetzt erfährt) in all den Jahrzehnten, als er in Ost- wie in West-Deutschland immer irgendwie zum Inventar gehörte, nicht als Rätsel empfanden. Vielleicht weil er immer so offenherzig sang und dichtete, dachten viele, sie wüssten so ziemlich alles über ihn. Das ist ein großer Irrtum, wie in diesen Tagen die Autobiographie des fast 80-Jährigen zeigt, die viel mehr ist als bloße Memoiren, sondern sich liest wie ein großer Welten- und Zeitenroman - dabei humorvoll und erstaunlich unsentimental. Angefangen mit seinen Eltern Dagobert und Emma und deren berührender Liebesgeschichte: Dagobert Biermann war ein jüdischer Kommunist und Widerstandskämpfer, der wegen seiner politischen Überzeugung jahrelang in Gefängnisse und Zuchthäuser gesperrt wurde, bevor er in Auschwitz ermordet wurde. Der frühe Verlust des Vaters ist die offene Wunder in Biermanns Leben, Ausgangspunkt für all sein Schreiben und Dichten. Die couragierte Mutter Emma Biermann zog ihren Sohn alleine auf und schickte ihn 1953 mit 16 Jahren von Hamburg in die DDR, wo er den Traum der Eltern von einer gerechteren Welt verwirklichen soll. Er kommt zunächst auf ein Partei-Internat, studiert dann Ökonomie und gelangt durch Zufall ans Berliner Ensemble, lernt Hanns Eisler kennen, dem er seine ersten Lieder vorspielen kann und der sein Talent erkennt. Bald schon allerdings gerät der aufstrebende Jung-Liedermacher und Dichter mit dem Staat in Konflikt. Dieser fühlt sich von Biermanns wirklichem Weltverbesserungswillen und vor allem von seiner Aufmüpfigkeit provoziert und vergreift sich, um von den großen wirtschaftlichen Problemen abzulenken, nur zu gerne öffentlich an respektlosen Künstlern. Mitte der Sechziger Jahre werden Biermanns Lieder und Auftritte verboten. 1976, während einer Deutschlandreise, wird er ausgebürgert. Biermann geht zurück nach Hamburg und dichtet und singt weiter, bis heute - ein "todtrauriges Glückskind", wie er schreibt.

Studiogast: Kate Tempest

Englands größtes Sprachtalent

Auf der Bühne ist Kate Tempest tatsächlich wie ein Sturm. Die Rapperin, Lyrikerin, Romanautorin und Dramatikerin gilt als eines der größten Sprachtalente ihrer Generation. Niemand beschreibt die Brutalität und die Schönheit der Welt so eindringlich wie sie. Und niemand anderes bringt Hoch- und Popkultur so suggestiv zusammen. Sie lässt sich von William Blake ebenso inspirieren wie vom Wu-Tang Clan. Ihre wichtigste Quelle aber sind ihre Kindheit und Jugend in einem rauen Arbeiterviertel im Südosten Londons.

Kate Tempest ist Schulabbrecherin und literarisches Straßenkind. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr slamt und rappt sie auf der Bühne. In ihren Büchern und ihrer Musik hat sie einen ganzen Kosmos von Protagonisten geschaffen, den sie immer weiter ausbaut. Ihre Botschaft lautet: Jeder Taxifahrer, jede Hausfrau, jeder Kleinkriminelle hat seine eigene Geschichte, und jede dieser Geschichten zählt gleich viel. Jedes Leben ist eine Tragödie von antiker Wucht. Dabei ist Tempest voller Zärtlichkeit für jeden Einzelnen; ihr Werk ist pathetisch und doch ohne Kitsch.

Ihre neue Platte "Let them eat chaos" ("Lasst sie Chaos fressen"), die heute erscheint, ist wieder ein Konzeptalbum: Eine Straße in Eastlondon um 4:18 in der Nacht. Sieben Menschen sind wach – denken nach über Leben, Tod, Gentrifizierung und soziale Ungleichheit. Ein Album, politischer als ihre früheren Arbeiten und von brennender Aktualität. "Europe is lost" heißt ein Song. Er handelt von globaler Armut und der Wohlfühlblase, in der sich westliche Metropolenbewohner bewegen.

Performancekünstler ULAY- "Lebensgroß"

Ausstellung in der Frankfurter Schirn

Sein Wikipedia-Eintrag füllt eine knappe Seite. Sein Werk als Künstler dagegen ist so umfassend und teilweise unentdeckt, dass es dicke Kataloge füllen könnte. Doch der 73-jährige ULAY, der mit bürgerlichem Namen Frank Uwe Laysiepen heißt, hat die Institutionen notorisch gemieden. Ein Freigeist und "Marginaler", wie er sich selbst nennt. Er sei der "bekannteste unbekannte Künster" sagte er einmal. Der Öffentlichkeit ist er nur durch die gemeinsame Arbeit mit Marina Abramovic bekannt. Doch hat ULAY, der mit Selbstportraits auf Polaroid anfing und später in die Performancekunst einstieg, mindestens so viel künstlerisches Potenzial wie die öffentlichkeitswirksam arbeitende Abramovic. Die Radikalität seiner frühen Performances ist atemberaubend. Die Suche nach der eigenen Identität des Kriegskindes, das früh die Eltern verlor, stand im Vordergrund. Er verletzte sich selbst mit Cuttern, um Aphorismen an Wände zu schreiben oder ließ sich ein Stück Haut, das vorher mit dem Satz "GEN E.T. Ration Ultima Ratio" tätowiert wurde, herausschneiden. Selbstverletzung als Selbstergreifung und eine künstlerische Position weit ab vom Aufmerksamkeitstrubel des hysterischen Kunstmarktes - dafür steht ULAY. Anlässlich seiner großen Ausstellung in der Frankfurter Schirn besucht aspekte den Ausnahmekünstler in seiner Wahlheimat Ljubljana.

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