Islands Pirat

Wie der Punker und Comedian Jón Gnarr Reykjavik regiert

Ein erklärter Anarchist an der Spitze einer Stadt: Reykjaviks Bürgermeister Jón Gnarr hat als Taxifahrer gearbeitet, als Pfleger in einem Heim für geistig Behinderte, als Bassist einer Punkband und als Fernsehcomedian. Seit einem Jahr und vier Monaten ist der Isländer Jón Gnarr nun Bürgermeister von Reykjavik.

"Ich bin reifer geworden.", sagt Gnarr heute. In nur einem Jahr? "Ja, ich bin um sechs Jahre gealtert." Dabei hatte alles so lustig angefangen: mit einem satirischen Wahlkampf. Er versprach einen Eisbären für den Zoo, kostenlose Handtücher für öffentliche Bäder und transparente statt versteckte Korruption. Und - dass er alle seine Versprechen im Falle eines Sieges brechen würde.

Ein erklärter Anarchist an der Spitze

Und dann haben die Isländer ihn und seine Partei tatsächlich gewählt: mit 34,7 Prozent. "Als Erstes habe ich gemerkt, dass die meisten Politiker ganz normale Menschen sind", sagt Gnarr, "das hat mich ehrlich überrascht." Und so steht ein erklärter Anarchist an der Spitze einer ganzen Stadt. Mit seinen Künstlerfreunden ist Jón Gnarr ins Rathaus eingezogen und bewegt im Jahr umgerechnet 12 Millionen Euro. Sein politischer Berater Sigurdur Björn Blöndal neben ihm ist zum Beispiel einer der berühmtesten Bassisten Islands - Mitglied der Heavy Metal Band "Ham".

Jón Gnarr
Jón Gnarr Quelle: ZDF

Die Isländer kennen Jón Gnarr schon lange aus dem Fernsehen: da spielt er den unausstehlichen Boss einer Tankstelle: Georg Bjarnfredarsson, der Stalin und Mao bewundert. Georg ist eine Art Lieblings-Hass-Figur der Isländer. Auch die BBC hat die Serie schon ausgestrahlt und die europäischen Vermarkter interessieren sich bereits für den großen Kinofilm über ihn. "Diese Kreativität, Bücher schreiben, Musik machen, Kunst, die in der ganzen Welt Anerkennung findet - das ist unsere Stärke", meint Gnarr. "Aber das ist uns Isländern nicht so klar. Viele hier denken, wir sind gut darin, mit Geld um zugehen. Das sind wir ganz und gar nicht. Wir konnten noch nie gut mit Geld umgehen!" Die berüchtigten Pleite-Banken haben sich nach der Verstaatlichung umbenannt: Glitnir heisst jetzt Islandsbanki. Aus Kaupthing wurde Arion. Gnarr findet das clever: "Ich hab vorgeschlagen, dass die Parteien das auch so machen sollten. Ihre Namen ändern und alles wird wieder normal."

"Ein bisschen herumspielen"

Einen ausgeglichenen Stadthaushalt hat Jón Gnarr inzwischen geschafft, aber mit sehr konventioneller Politik: Energiepreise wurden erhöht, Angestellte entlassen, auch bei Bildung gekürzt. Doch die Bürger von Reykjavik wählten ihn dies Jahr gleich noch mal - und verhalfen ihm so zu dem Titel "ehrenwertester Politiker". Er spielt die Rolle und nimmt sie doch ernst - wie bei der Feier für eine Lärche, die zum Stadtbaum des Jahres gekürt wurde. Stolz ist er, dass es jetzt autofreie Tage in der Innenstadt gibt. Das Projekt "Hunde-Auslauf-Plätze" musste er leider ad acta legen - zu viel Widerstand im Stadtrat.

Jón Gnarr mit seinem politischen Berater Sigurdur Björn Blöndal, Mitglied der Heavy Metal Band "Ham"
Jón Gnarr mit seinem politischen Berater Sigurdur Björn Blöndal

"Der globale Kapitalismus hat doch viel mehr Einfluss auf Island als ich", sagt Gnarr lachend. "Ich denke, wir können nicht wirklich etwas ändern, bis der Kapitalismus zusammenbricht. Bis dahin können wir genauso gut ein bisschen herumspielen." Comedian sein sei wie schwul sein, sagt Jón Gnarr. Damit könne man nicht einfach aufhören. Und zeigt noch sein Tattoo - das Stadtwappen von Reykjavik.

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