"Jede Sekunde schön leben"

Filmisches Denkmal für Nightlife-King Rolf Eden

Konventionen bricht er. Was andere über ihn denken, ist ihm egal. Und wie viele Frauen er hatte, kann er nur schätzen. Dabei hat er seine Liebschaften, so gut es ging, dokumentiert (sprich: gefilmt). "Rolf Eden," sagt Rolf Eden, "ist beides: Playboy, der gerne mit den Frauen spielt, und Geschäftsmann, der gern sehr viel Geld verdient." Ein äußerst unterhaltsamer Dokumentarfilm hat dem König des Berliner Nachtlebens jetzt ein Denkmal gesetzt: "The Big Eden" von Peter Dörfler läuft auf der Berlinale in der Sektion Panorama.

1957: Rolf Eden macht seinen ersten Laden in West-Berlin auf: das Old Eden. Es folgen das New Eden, das Big Eden, der Eden-Playboy-Club. Striptease und Miss-Wahlen in den spießigen Fünfzigern! Bald fährt Eden im Rolls Royce von Club zu Club. Seine schwerste Aufgabe ist es, nachts das Geld zu zählen. Warum er immer Glück hatte, weiß er bis heute nicht: "Das war einfach ein Glücksfall, dass ich immer nur Glück hatte. Ich hoffe, das geht noch viele Jahre so weiter. Schönes Leben mit Eden." Dass das nicht die ganze Wahrheit ist, zeigt jetzt ein sehr gelungener Dokumentarfilm.

"In Israel lebt er auf"

Edens Eltern sind jüdische Fabrikanten, 1933 wandern sie nach Palästina aus. Da ist Rolf drei Jahre alt. Er lernt hebräisch, geht zur Schule, und mit 18 zum Militär. 1948 kämpft er im Gründungskrieg Israels in einer Eliteeinheit von Jitzak Rabin. Von seinen 1200 Kampfgefährten überleben nur 400. In Israel kommt auch die Tochter zur Welt. Trotzdem hat sich Eden über seine Jugend ein Leben lang ausgeschwiegen: Israel habe keine Bedeutung für ihn.

Stimmt nicht, meint Regisseur Peter Dörfler: "Als wir dort waren, habe ich schnell gemerkt, dass er dort im Gegenteil immer noch total verwurzelt ist. Der älteste Teil seiner Familie lebt dort, er hat auch ganz viele alte Freunde, mit denen er sich gerne trifft, man merkt einfach, dass er in Israel auflebt und sich sehr wohl fühlt." Diesen Eden kannte man noch gar nicht: auf hebräisch im Gespräch mit Tochter Irit (61), zu Besuch bei Bruder Gerd in dessen "Hotel Eden", in Erinnerungen schwelgend mit Weggefährten von früher. "Machst du eigentlich noch Musik?", fragt einer von ihnen, und zusammen stimmen sie "Besame mucho" an.

Glück als Entscheidung

Musik ist der Grundstein von Edens Erfolg. Bereits mit 15 verdient er sich mit ihr seinen Lebensunterhalt weitgehend selbst. Nach dem Krieg geht er als Pianist, Sänger und Entertainer zunächst nach Paris, dann nach Berlin. "Er kam dort Mitte der Fünfziger Jahre an," berichtet Dörfler," kam als Jude, der mit seinen Eltern zwar nicht geflüchtet, aber gerade noch rechtzeitig emigriert war, nach Berlin zurück und brachte den Deutschen, den Nachkriegsdeutschen, die Partykultur, was ja schon eine sehr seltsame Konstruktion ist!"

Für Eden ist das kein Widerspruch: Als er seinen ersten Nachtclub eröffnet, hat er die deutsche Vergangenheit bereits ausgeblendet und sich selbst neu erfunden. Dass er im Leben nur Glück haben wird, ist kein Schicksal, es ist eine Entscheidung. Krankenhäuser, Beerdigungen, Schmerz - sind ab jetzt tabu.

Sieben Kinder von sieben Frauen

Auch der Schmerz der anderen übrigens. "Erwähnte man irgendeine Lieblingsmusik," erinnert sich Katja, Ex-Freundin von Eden und Mutter seines Sohnes Kai (13), "bekam man die nebst einem Blumenstrauß am nächsten Tag zugeschickt. Das war schön! Das war aufmerksam! Das sagte mir, irgendwo muss er doch mal hingehört haben. Bis ich dann einsehen musste, dass das nicht wirklich einen Wert hat. Andere bekamen dieselben Blumen. Später hat er das dann sehr hübsch übertragen auf den Muttertag - weil ich ja die Kategorie wechselte, war ich dann in einem anderen Verteiler."

Sieben Kinder von sieben Frauen, dazu Enkel, Geschwister, Freunde, die im Film erzählen, mal kritisch, meist liebevoll. Aber: Verdrängung hin oder her - Edens Frohsinn scheint auszustrahlen. Wie auf seine Umgebung, so auf diesen wunderbaren Film. Eden selbst, der derzeit mit Brigitte (sprich: "Brischitt", wie Brigitte Bardot) liiert ist, bleibt sich treu, auch mit 81. "Denkst Du manchmal an den Tod?", fragt ihn seine Tochter. "Nee", sagt Eden, "an den Tod denke ich nicht, das geht nicht. Der ist auf einmal da, da ist man weg, wie 'ne Fliege oder Kakerlake. Nach'm Tod gibt's nichts mehr, deswegen will ich bis dahin jede Sekunde schön leben."

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