Junge trifft alte Kunst

Mit Erwin Wurm im Museum

Erwin Wurm ist ein Virtuose der Bösartigkeit. Er stellt Peinlichkeiten bloß. Seine Kunst verzerrt. Seine "One Minute Sculptures" sind Anleitungen zum Sich-Lächerlich-Machen. Unzumutbare Situationen sind auszuhalten, wenn auch nur für eine Minute. Selbst Claudia Schiffer ließ sich von Wurm überreden. Auf den ersten Blick sind die Werke leicht verständlich, doch auf den Zweiten - hintergründig. So ähnlich war das auch schon bei den alten Meistern.

Erwin Wurm ist "Museumsguide" für aspekte in der Alten Pinakothek in München.

"Bei meinen Arbeiten funktioniert das ähnlich", sagt Wurm. "Die Einstiegsebene funktioniert relativ leicht. Da arbeite ich auch mit Humor und Zynismus. Aber der Hintergrund ist ein ganz, ganz anderer. Und das ist bei den Alten ähnlich."

Lieber nicht zu lieblich

Peruginos "Anbetung" zeigt Maria mit zwei Heiligen vor dem Jesuskind. Würde eine Mutter ihr Kind so auf dem Boden liegen lassen? Komposition ist wichtiger als Genauigkeit. Und dann die Farben ... "Wie der die Blautöne und die Grüntöne zusammenbringt. Das besteht fast nur aus Blau, Grün und Braun. Man denkt sich, Blau, Grün, Braun - das ist fad. Aber so wie er das hinbringt, ist das grandios." Raphael, Peruginos Schüler, hat eine heilige Familie gemalt, die jeder kennt - millionenfach verkauft auf Kaffeetassen, Sitzkissen oder Geschenkpapier.

One-Minute-Sculpture: Claudia Schiffer Quelle: Erwin Wurm

"Diese Bilder werden so ausgesaugt und ausgelutscht", so Wurm. "Da bleibt nur die Hülle übrig. Aller Inhalt ist weg, alle Bedeutung ist weg. Das, was sich diese Leute, so wie meine Großmutter, ins Wohnzimmer gehängt haben, ist eben die heilige Familie. Letztlich ist wurscht, ob es Raphael gemalt hat oder irgendein anderer Maler. Für mich unerträglich lieblich. Ich halt das ja nicht aus persönlich." Die Heiligenscheine einer "Grablegung" von Boticelli gefallen Wurm: "Das finde ich gut, weil es ein bisschen aneckt und nicht so lieblich und nett ist."

"Da bin ich!"

Boticellis berühmtestes Bild, "Die Geburt der Venus", hängt in Florenz. Was kann man gegen dieses Meisterwerk haben? "Dieses Frauenbild", so Wurm, "auch dieses Liebliche. Ich habe immer das Gefühl, er vermittelt ein Frauenbild, bei dem die Frauen einen Hang haben zu einer leicht blutenden Nase." Albrecht Dürer war einer der ersten Künstler, der es wagte, nicht nur Heilige und Jesus zu malen, sondern sich selbst. Eine Revolution, meint auch Erwin Wurm. "Da stehen wir jetzt vor einem grandiosen Bild, das ich schon so viel Jahre kenne und vor dem ich jedes mal wieder vor Neid erblasse. Weil ihm da was gelungen ist, was ganz selten ist. Er hat sich da selbst verewigt und auch beschönigt. Eine Ikone: 'Da bin ich, der Künstler. Ich bin genauso wichtig, wie mein Werk.' Das verweist ja auch direkt auf die ganzen Selbstdarsteller unserer Zeit, auf Andy Warhol und Joseph Beuys."

Video: Junge trifft alte Kunst: Erwin Wurm

Was ist der Unterschied zwischen einem Mousepad mit Dürer und dem echten Selbstbildnis? Erwin Wurm findet es schlecht reproduziert: "Aber es ist okay. Man bringt das unter die Leute. Die fahren ihm dann da auf der Nase rum, aber man hat ihn, weiß, das ist der Dürer - so kann man auch Zugang schaffen." El Grecos "Die Entkleidung Christi" ist 400 Jahre alt - erstaunlich? "Nein. Der hat sich's ja gegeben. Das könnte Expressionismus sein, 20. Jahrhundert. 23 Jahre war er alt. Da hab ich gerade angefangen, Kunst zu studieren."

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