Kampf der Wunderkinder

Film über den schwierigen Weg junger Pianisten

Klamme Hände, Kloß im Hals und Schweißausbrüche - klassische Klavierwettbewerbe sind alles andere als Zuckerschlecken. Schon vor zehn Jahren begleitete Irene Langemann in ihrem Dokumentarfilm vier russische "Wunderkinder" des Klaviers. Damals versetzten sie das Publikum in großes Erstaunen - allein schon durch ihr Alter, aber auch durch ihre ungeheure Fingerfertigkeit.

Nikita Mndoyants Konzert im Louvre, 2007 Quelle: GMfilms

Jetzt kommt der zweite Dokumentarfilm Langemanns in die deutschen Kinos, "Die Konkurrenten", in dem sie eindringlich zeigt, wie schwierig es ist, heute als Solist den Durchbruch zu schaffen. Zehn Jahre sind vergangen, und für die vier - inzwischen erwachsenen - Studenten sieht alles ganz anders aus. Ein Thema, das uns alle berührt, so Langemann: "Ich denke, das ist eigentlich eine universelle Geschichte aus Kunst und Kultur. Es ist wie in jedem Bereich: Erfolg kann man nur mit Ausdauer und Disziplin erreichen. Natürlich ist Talent wichtig, aber ohne Arbeit geht gar nichts."

Aus der Masse herausragen

Dass man im Beruf eines Konzertpianisten physisch und seelisch viel einstecken muss, ist klar - und der Konkurrenzkampf ist heute viel größer als je zuvor. Es gibt keinen Eisernen Vorhang mehr, und die guten Musiker aus Osteuropa strömen buchstäblich auf den Weltmarkt - zusammen mit neuer Konkurrenz aus Asien.

Elena Kolesnitschenko am Steinway Quelle: GMfilms

Elena Kolesnitschenko ist eine der vier Protagonisten aus Langemanns Film. Mit sieben Jahren begann sie, Klavier zu spielen. Schon mit neun spielte sie im Vatikan für den Papst. Bereits damals bestach ihr Spiel durch ungewöhnliche Reife und Emotionalität. Mit elf Jahren überzeugte sie mit ihrem Spiel Alec Band, der dann ihr "Impressario", ihr Konzertmanager wurde. Er ermöglichte ihr erste erfolgreiche Konzerttourneen. Doch mit 18 Jahren trennte sie sich von ihm. Seitdem ist sie trotz weiterer Erfolge auf Suche: "Jetzt kann ich keinen anderen Impressario finden. ( ... ) Natürlich blickt man zurück und denkt: 'Vielleicht hätte ich etwas anders machen sollen.' Aber man muss halt weitermachen. Der springende Punkt ist: Man muss irgendwie auffallen und aus der Masse herausragen."

Bei Wettbewerben "200 Prozent geben"

Heute muss man auch "Unterhaltungswert" aufweisen. Von Musikern wird verlangt, dass sie wie Hollywoodstars aussehen. Halb entblößt und/oder sexy ist "in". Auch diesen Anforderungen muss ein junger Musiker heute gerecht werden. Die größte Herausforderung aber ist, es auf die internationale Bühne zu schaffen. Wenn man selbst keinen Konzertmanager hat, können Wettbewerbe dafür ideal sein. Selbst wenn man nicht gewinnt, kann man hier möglicherweise einem Dirigenten auffallen, jemandem, der einen dann als Solisten einlädt.

Der Druck bei Wettbewerben ist also enorm - ganz anders als bei Konzerten. Elena Kolesnitschenko kennt dieses Gefühl genau: "Man spielt ganz anders bei einem Konzert als bei einem Wettbewerb. Im Wettbewerb geht es um Sauberkeit - und wenn man nur auf Töne achtet, kann man sich nicht entfalten. Ich spiele generell lieber Konzerte. Man muss bei Wettbewerben immer 200 Prozent geben."

Traumatische Erlebnisse

Selbst ein Wettbewerbgewinn zählt nicht mehr wie früher. 1945 gab es ganze fünf internationale Klavierwettbewerbe. 1990 waren es 114, inzwischen sind es 750. Doch für Irene Langemann ist dies nicht unbedingt eine gute Entwicklung: "Es gibt tatsächlich sehr viele Wettbewerbe. Aber nicht alle Preisträger bekommen die Möglichkeit, Konzerte zu geben - weil es gar nicht die Möglichkeiten gibt. Es gibt nicht so viele Veranstaltungsorte, es gibt nicht so viele Konzertmanager, die das betreuen können. Und es gibt nicht genügend Publikum, das all das aufnehmen könnte. In dem Sinne ist es möglicherweise überflüssig, so viele Wettbewerbe zu haben."

    Konzerttermine der "Konkurrenten":


    - 23. April, Lister Turm, Hannover
    - 24. April, Theater Apprather Mühle, Wuppertal
    - 25. April, Robert-Schumann-Saal, Düsseldorf
    - 26. April, Köln, Museum Ludwig
    - 27. April, Kino Metropolis (Anfrage)
    -  1. Mai, Thalia Arthouse Kino, Potsdam
    - 2. Mai, URANIA Kino Berlin
    Zusätzlich zum Konzert wird zu jedem Filmhelden ein Filmzusammenschnitt (ca. 5 Min) aus dem ersten und zweiten Film gezeigt. Aus dem ersten Film mit einem Konzertauftritt, aus dem zweiten Beobachtungen aus dem Alltag von heute.

    Filmpremieren:

    - 28. April, Deutschland-Filmpremiere, Robert-Schumann-Saal Düsseldorf
    - 29. April, Hannover-Filmpremiere, Kommunales Kino im Künstlerhaus
    - 30. April, Köln-Filmpremiere im Museum Ludwig

Hinzu kommt: Den Druck der Wettbewerbe stecken die wenigsten gut weg. Auch dieses Gefühl kennt Elena sehr gut: "Mit dem Kopf verstehe ich schon, dass es nicht ums Spielen geht - aber mit dem Herzen kann ich das nicht. Nach einem Wettbewerb muss ich mich wieder aufbauen. Ich kann nicht wie andere Kollegen jede Woche zum Wettbewerb fahren." Aber trotz teils traumatischer Erlebnisse hofft man weiter - denn es gibt auch Glücksfälle. Lang Lang, der von Daniel Barenboim gefördert wurde, ist ein solcher. Er ist einer der wenigen, die den Olymp besteigen.

Auf den richtigen Moment kommt es an

Im Musikbusiness holt man heutzutage fast ausschließlich Stars auf die Bühne. Doch auch hier kommt es zu glücklichen Ausnahmen. Elena erlebte vor kurzem eine solche: "Ich hatte Glück. Ein Solist fiel aus, ich konnte einspringen und begann dadurch eine erfolgreiche Tournee. Heute mache ich mein Ding. Ich zerbreche mir darüber nicht mehr den kopf. Ich bin noch jung und knackig und - ich bin gut."

Nach zehn Jahren mit ihren vier Protagonisten ist der Filmemacherin Irene Langemann eines besonders klar geworden: " ... wie wichtig Glück ist. Wie wichtig es ist, im richtigen Augenblick den richtigen Menschen zu treffen oder den Förderer, der dich voran bringt, der dich irgendwie aus der Masse rauspickt, und der dir die Möglichkeit gibt, nach vorne zu kommen. Glück ist enorm wichtig. Ich wünsche meinen Filmhelden enorm viel Glück, um nach oben zu kommen."

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