Die Themen am 23. September 2016

Moderiert von Katty Salié und Jo Schück

Kultur | aspekte - Die Themen am 23. September 2016

"Ich war während des Schreibens nicht gefährdet, ich bin immer im Leben gefährdet." Thomas Melle spricht über seine manisch-depressive Erkrankung, die er im Buch "Die Welt im Rücken" beschreibt.

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Die Themen und musikalischen Gäste unserer Kultursendung am Freitag ab 23.00 Uhr.

Der türkische Journalist Can Dündar

"Lebenslang für die Wahrheit"

"Gedankenfreiheit existiert nicht mehr. Wir bewegen uns mit großer Geschwindigkeit von einem Rechtsstaat zu einem Terrorregime". So der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk über die Hexenjagd in seinem Land nach dem gescheiterten Militärputsch. 135 Journalisten sind derzeit in der Türkei inhaftiert – so viele wie in keinem anderen Land der Erde.

Wäre er nicht zufällig außer Landes gewesen, säße auch er jetzt wieder hinter Gittern: Can Dündar, der international bekannteste türkische Journalist und Autor. Weil er Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes nach Syrien öffentlich machte, wurde er wegen "Spionage" und "Hilfe und Beihilfe für eine Terrororganisation" verhaftet. "In einem freien Land wird bestraft, wer ein Verbrechen begeht – in der Türkei wird vor Gericht gestellt, wer ein Verbrechen aufdeckt", so Dündar über die kaum noch existierende Pressefreiheit.

In seinem Buch "Lebenslang für die Wahrheit. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis" erzählt er jetzt die Geschichte hinter der Geschichte: seine Entscheidung für die Veröffentlichung, wie seitens Recep Tayyip Erdogans persönlich Anzeige erstattet und zweimal lebenslang gefordert wird, über seine Zeit im Gefängnis. Als das Verfassungsgericht den Haftbefehl kassiert, werden Dündar und sein Kollege zwar freigelassen – nur um wenig später zu jahrelanger Haft verurteilt zu werden. Vor dem Gerichtsgebäude wird ein Mordanschlag auf Dündar verübt – "Vaterlandsverräter!" ruft der Attentäter geruf. Doch gerade ein solcher ist Dündar nicht, sondern Vertreter und Sprachrohr der "anderen" Türkei. Unermüdlich tritt er für Freiheit, Demokratie, Menschenrechte, Laizismus und Gerechtigkeit ein. Derzeit muss Dündar im Exil leben – seiner Frau, ebenfalls Journalistin, hat man den Pass entzogen, sie kann die Türkei nicht verlassen. aspekte über den Mann, der Präsident Erdogan die Stirn bietet.

"Die Rückkehr der Diener"

Das neue Bürgertum und sein Personal

Butler? Diener? Hauspersonal? Ich bitte Sie! Wir leben schließlich nicht mehr im 19. Jahrhundert. Diener gibt’s heute nur noch in Groschenromanen. Oder bei "Downton Abbey". Das Bürgertum des 21. Jahrhunderts hält viel auf sein soziales Gewissen und nichts von feudaler Ausbeutung. Aber weil das mit der Work-Life-Balance ja auch nicht so einfach ist, gibt’s im Zweifel für alles eine App: Per Smartphone organisieren wir uns Hilfe für den lästigen Hausputz, engagieren den Gassi-Geh-Service, lassen uns die Einkäufe vom Supermarkt bringen oder abends das Essen vom Lieblings-Italiener. Dazu kommt noch die Babysitterin, die polnische Pflegerin, der Personal Trainer ...

Christoph Bartmann, Leiter des Goethe-Instituts in New York, blickt in seinem neuen Buch "Die Rückkehr der Diener" hinter die Mär von den digitalen Helferlein. Denn hinter unseren schicken Apps stehen reale Menschen in weniger schicken Beschäftigungsverhältnissen. Und das Schlimmste daran ist: Die neuen Diener sind gekommen, um zu bleiben. Denn ohne sie wäre das gehobene Lebensmodell von emanzipierten Doppelverdienern gar nicht mehr denkbar.

Das Ende der Volksparteien?

Zersplitterung der Parteienlandschaft

Bei den Landtagswahlen in Mecklenburg Vorpommern und Berlin haben CDU und SPD schwere Verluste eingefahren. Anstelle einer traditionellen Demokratie mit zwei großen Volksparteien droht jetzt die komplette Zersplitterung der politischen Landschaft. Eine einfache Bildung von regierungsfähigen Mehrheiten  scheint Geschichte - jede Regierungsbildung wird zur Zitterpartie oder zum Abwehrkampf gegen die Extreme. Ein Blick in die Geschichte zeigt jedoch: so stabil wie in der Erinnerung war die deutsche Parteienlandschaft eher selten. Immer wieder setzten Protestparteien wie der Bund der Heimatvertrieben in den 50ern, die NPD in den 60ern und schließlich die Grünen in den 80ern die Dreifaltigkeit aus CDU, SPD und FDP unter Druck.

Früher gelang es den Großen immer, neue Ideen und Strömungen zu integrieren. Jetzt scheint damit Schluss zu sein. Wie kam es zu diesem Wandel? Hat das nur mit der AfD zu tun? Sind Volksparteien wie die CDU oder die SPD wirklich Geschichte? Und was bedeutet das für das Land? Drohen in Deutschland erneut "Weimarer Verhältnisse", wie damals vor dem Zweiten Weltkrieg, als sich die Demokratie zersetzte und danach selber abschaffte? Oder ist die Zersplitterung auch ein Zeichen für neues politisches Interesse und damit eine Chance für ein Wiedererstarken der politischen Debatte? aspekte spricht unter anderem mit dem Historiker Heinrich August Winkler und den Politikwissenschaftlern Ulrike Guérot und Herfried Münkler.

Literatur eines Manisch-Depressiven

Thomas Melle über seine Krankheit

"Die Welt im Rücken" - so heißt das neue Buch des gefeierten Autors Thomas Melle, mit dem er zum dritten Mal für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Diesmal aber hat Melle keinen Roman geschrieben, sondern die wahre Geschichte über sich selbst. Melle ist manisch-depressiv und hat die Krankheit in ihrer schlimmsten Form: Wahnsinn, Psychiatrie, Selbstmordversuche. In seinem Buch nun erzählt er von dem, was die Krankheit aus ihm gemacht hat. Einen Krankenbericht wollte er trotzdem nicht schreiben, sondern Literatur. Es ist ihm gelungen. aspekte gibt er sein einziges Fernsehinterview.

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