Keiner kennt Pécs

Die Kulturhauptstadt 2010

Keiner kennt Pécs? Was? Wen? Pécs - Kulturhauptstadt Europas? Nie gehört. Aber woran liegt das eigentlich? Dabei hatten die Ungarn zum feierlichen Beginn doch alles aufgeboten: römische Wagenrennen, tanzende Derwische, feurige Pustza-Folklore und sogar Weltstar Placido Domingo. Der meinte anlässlich der Eröffnung: "Liebe Freunde. Der Moment ist gekommen, in dem Ihr Eure Stadt, Eure Kultur und Eure Werte Europa zeigen könnt."

Mitten in der Stadt: Eine Baustelle neben der anderen. Und das ist keine Performance - sondern Pécs ganz real, in diesem Sommer. Sechs Monate nach der Eröffnung. Eine einzige Großbaustelle. Nichts ist fertig geworden. Die Organisatoren sprechen mittlerweile beschwichtigend von "work in progress". Und: Sie erklären Baustaub, Lärm und Absperrungen mal eben zum eigentlichen Gesamtkunstwerk. Die Pécser selbst suchen nach Erklärungen.

Der Charme des Unfertigen

Ein Bauarbeiter ist überzeugt: "Wir haben unser Material zu spät erhalten, einen  Monat mussten wir aussetzen, bis alles aus China angekommen war. Aber wir arbeiten jetzt trotz Hitze 14 bis 15 Stunden. Ich glaube, bis zum Wochenende sind wir fertig." Eine Security-Mitarbeiterin erzählt: "Ja, es ist uns schon ein bisschen peinlich. Wir haben auch gedacht, dass alles viel schneller fertig wird, aber es ist einfach etwas dazwischen gekommen. Ich weiß nicht, woran das liegt."

Von den fünf Großprojekten in der Stadt ist nur eines fast fertig geworden: die Sanierung der historischen Innenstadt. In der beeindruckenden Konzerthalle mit eintausend Plätzen sollen allerdings schon Weihnachten 2010 die ersten Töne erklingen. "Ganz sicher", heißt es. Und das gigantische Gelände der "Zsolnay-Porzellanmanufaktur" könnte nächstes Jahr als Kulturzentrum eröffnet werden. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Pécs verkörpert den Charme des Unfertigen.

Was für eine Chance!

Das Scheitern hat Gründe: Zwei Bürgermeister starben, drei Direktoren wurden verschlissen, vier Projekte gestoppt. Weil ein konkretes Konzept fehlte, das meint Gabor Csordas, Ungarns renommiertester Verleger - mit Sitz in Pécs: "Die Kontrolle über das ganze Projekt ging in die Hände der lokalen Behörden - das heißt, in die des Rathauses. Die Verwaltung ist nicht kompetent in solchen Fragen. Es gab kein Konzept. Wir träumten von Pécs als kulturellem Zentrum Südosteuropas, 'Das Tor zum Balkan'. Neunzig Prozent des Etats wurde vor Ort ausgegeben, was keinen Sinn machte. Das ist der Grund, warum niemand außerhalb von Pécs von uns erfuhr."

Was für eine Chance! Dabei symbolisiert Pécs zweitausend Jahre wechselvolle europäische Geschichte: Von den Römern über die türkische Herrschaft bis zur Glanzzeit der k.-u.-k.-Ära in der Habsburger Zeit. Pécs war und ist außerdem traditionell eine Stadt der Minderheiten. Deutsche Donauschwaben, Griechen, Juden, Sinti, Roma, Rumänen, Kroaten, Serben. Im kroatischen Theater wird Tschechow abwechselnd auf Ungarisch oder Kroatisch gespielt. Die Vorstellungen sind immer ausverkauft. In Pécs, auf Deutsch Fünfkirchen, lebt man heute tatsächlich ein Europa ohne Grenzen und fühlt sich keineswegs in einer Randlage.

"Hinterhof des Kapitalismus"

Was auffällt: 85 % des Etats für die Kulturhauptstadt in Pécs stammt aus EU-Fördermitteln, mehr als 150 Millionen Euro. Doch vom Europa der EU wollen die Ungarn heutzutage nichts mehr wissen. Eine große Mehrheit schimpft auf "die da in Brüssel". Die Ungarn haben vor kurzem eine rechte Regierung gewählt. Der Nationalismus treibt seltsame Blüten. Europa sei an allem Schuld: an Finanzkrise, fehlenden Jobs und drohendem Staatsbankrott.

Das Signal aus dem multikulturellen Pécs spricht eine andere Sprache: Das Kulturjahr sorgt zwar für neue Jobs, mehr Motivation und Spaß - trotz aller Pleiten, Pech und Pannen. Und in Pécs wird noch gelacht. Aber kann Kultur tatsächlich den Weg aus der Krise führen? Verleger Gabor Csordas ist skeptisch: "Die zentralen Punkte der ungarischen Rechten sind Antisemitismus und Hass gegen Sinti und Roma. Sie sind überwiegend Rassisten, aber keine Anti-Europäer. Ich würde die multinationalen Konzerne viel schärfer kritisieren. Denn für sie ist Ungarn eine Art 'Hinterhof des europäischen Kapitalismus'. Sie tun viele Dinge, die sie nicht wagen, bei sich selbst zu tun. Das passiert nicht in ihren Salons."

Zurück auf die kulturelle Landkarte

Keiner kennt Pécs. Noch immer. Trotz über 4500 Veranstaltungen scheint sich das nicht mehr zu ändern. Ob die Menschen in Pécs lieber unter sich bleiben? Eigentlich nicht: Die Stadt will zurück auf die kulturelle Landkarte Europas. Aber vielleicht gelingt das in den nächsten Jahren.

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