Kick mit Sex

Die Vermarktung der WM-Fußballerinnen

Lange waren Fußballspielerinnen als Mannsweiber verschrien, herrschte das Klischee, der Frauenfußball sei ein Tummelplatz für Lesben, subkulturelles Hobby-Kicken, eine Randsportart. Jetzt soll der Frauenfußball Mainstream werden.

Die Chancen stehen nicht schlecht: Zum ersten Mal findet die Frauenfußball-Weltmeisterschaft in der Spielpause der Männer statt. Und auch die Vermarktungsmaschinerie läuft. Junge deutsche Nationalspielerinnen der U20-Mannschaft posieren für den Playboy: Das ist Frauenfußball 2011. "Man hört immer das Klischee 'Mannsweiber'. So ist bewiesen, dass es auch attraktive Fußballerinnen gibt", sagt Selina Wagner, U20-Nationalspielerin.

Machen wie Männer - aber bitte sexy

"Gerade im Vorfeld der WM entsteht ja der Eindruck, dass es einen nahtlosen Übergang gab von Kampflesbe zur sexy Kickerin, weil das eine Klischee durch das andere Klischee ersetzt wurde", so Daniela Schaaf von der Sporthochschule Köln. Vergleicht man die Nationalmannschaft vor knapp 30 Jahren mit der von heute, so ist der Unterschied frappierend: Harter Sport und Weiblichkeit gehen im Jahr 2011 zusammen. Die moderne Frau? "Das ist generell immer so eine Aufforderung an die Frauen bei allem was sie machen: es so wie Männer zu machen und dabei wie Frauen auszusehen", meint die Literatur-Journalistin Iris Radisch. "Das ist aber eine Vorgabe, die nicht von Frauen selber, sondern aus der Männergesellschaft kommt."

Iris Radisch über Frauen-Bilder - im Fußball und darüber hinaus

Die Mittelfeld-Spielerinnen Fatmire Bajramaj, Kim Kulig und Celia Okoyino da Mbadi betätigen sich als Mode-Models: Eine Art Weltmeisterschaft im Frausein ist längst im Gange. "Alles was mit sexy, mit Attraktivität zusammenhängt, das lässt sich am besten vermarkten", sagt Doreen Meier, Trainerin Bayer Leverkusen, "und der DFB ist darauf erpicht, die Stadien voll zu kriegen. Werbung um jeden Preis - und dann gehört das eben auch dazu." "Der Unterschied ist: Bei den männlichen Sportlern reicht es aus, wenn sie eine hohe sportliche Leistung erbringen, sportliche Leistung ist bei ihnen das primäre Auswahlkriterium", so Daniela Schaaf. "Bei Sportlerinnen reicht das leider nicht aus, sowohl die physische Attraktivität als auch der Sexappeal sind entscheidend."

"Man darf den Sport nicht vergessen"

Die sexy Kickerin soll den Randsport diesen Sommer endlich zum Mainstream machen, denn der gemeine Frauenfußball ist bisher ein Verlustgeschäft für den DFB. Auch wenn der Verband bereits 1,2 Millionen weibliche Mitglieder hat, bringen sie kein Geld, keine Zuschauer, keine Medien. Die Mädchen der U17 von Bayer Leverkusen fahren zum Teil über 100 Kilometer hin und zurück zum Training. Die Jungs verdienen schon Geld damit - und werden mit Bussen abgeholt. "Ich finde das klasse, dass die Frauen jetzt vor der WM so viel Aufmerksamkeit bekommen wie die Männer", sagt U17-Spielerin Jana Doerr. Ihre Teamkollegin Linda Dallmann glaubt, "das weckt auch die Männerinteressen - so dass die mal mehr Fußball gucken." Dorina Warwas, ebenfalls U17-Spielerin, meint: "Man macht den Fußball weiblich mit dieser Werbung."

Doch was bringt diese neue Aufmerksamkeit wirklich? "Es ist schon ein Schritt nach vorne - man darf nur den Sport nicht vergessen", appelliert Doreen Meier. "Die Gratwanderung muss einfach stimmen. Es wäre schön, wenn hängen bleibt: Sie sehen gut aus, sind attraktiv, sind sexy - können aber auch verdammt gut kicken." Halbnackt kicken für ein Männermagazin: Ist das der Preis dafür, endlich beachtet zu werden? Männer sind in Sachen Fußball nun mal die größtmögliche Zielgruppe, die will man gewinnen. Die Managerin der deutschen Nationalelf sagte schon Anfang des Jahres, wenn sich auch eine der WM Spielerinnen für den Playboy ausziehen möchte - der DFB würde ihr da keine Steine in den Weg legen.

Emanzipation als Kollateralschaden

"Natürlich heißt das, wenn man die Sache zu Ende denkt: 'Wir lassen uns kaufen.' Wenn die Summe am Ende stimmt: 'Wir lassen uns kaufen'. Und das heißt, wir sind verfügbar für Männer. Es ist eine Frage des Geldes, der öffentlichen Aufmerksamkeit - wenn beides stimmt, sind wir für den männlichen Blick verfügbar." Emanzipation als Kollateralschaden. Doch auch für die Sportart Frauenfußball könnte sich diese Strategie als Bumerang erweisen. "Sie werden nicht mehr als Athletinnen wahrgenommen, sondern nur noch als Objekt der männlichen Begierde", sagt Daniela Schaaf, "eine Entsportlichung der Athletin insgesamt ist eine eher traurige Botschaft, die vermittelt wird."

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