Klimaschutz durch Eigennutz

Der neue Roman von Ian McEwan: "Solar"

Klimawandel - ein ziemlich sperriges Thema für einen Roman. Der Schriftsteller Ian McEwan wusste lange nicht, wie er darüber ein unterhaltsames Buch schreiben sollte. Bis er vor fünf Jahren mit anderen Künstlern an einer Tour in die Arktis teilnahm.

"Wir saßen eine Woche lang auf einem Schiff im Eis fest und hatten sehr idealistische Diskussionen über den Zustand des Planeten und was wir tun können", erzählt McEwan. "Nebenan war unser Garderobenraum. Und während wir von einer besseren Welt träumten, versank der Garderobenraum in immer tieferem Chaos. Die Frage, die sich ihm in der Arktis aufdrängte: Wenn die Menschen noch nicht einmal die Kabine mit den überlebenswichtigen Schneeanzügen in Ordnung halten können - wie sollen sie da die Welt retten?

Essen, Sex und der eigene Vorteil

"Es liegt Tragik und Komik in dieser Kluft zwischen unseren Idealen und der Realität", meint McEwan. So hat er sein bislang witzigstes Buch geschrieben - eine Tragik-Komödie. Die Hauptfigur ist Michael Beard - ein Physiker, der in jungen Jahren einen Nobelpreis gewonnen hat und sich seither auf seinen Lorbeeren ausruht. Ein Antiheld, den McEwan so beschreibt: "Er ist ein Dieb, ein Plagiator, er ist sehr intelligent, klein, dick, hält sich für unwiderstehlich für Frauen, wie einige kleine, dicke Männer, die ich kenne. Trotzdem hoffe ich, dass die Leser Sympathien für ihn empfinden."

Tatsächlich entwickelt man Sympathien, obwohl Beard nur an Essen und Sex und an seinen eigenen Vorteil denkt. Das Schicksal der Erde interessiert ihn nicht. Doch er wird zum Vorreiter einer neuen Solartechnologie - und zwar durch eine Reihe irrwitziger und hochkomischer Verwicklungen. "Er ist eine Art Jedermann", sagt McEwan. "Er ist gierig wie die westliche Zivilisation. Er ist ein Materialist. Er vertritt vor allem seine eigenen Interessen, wie es Länder und Individuen tun."

"Tugend wird uns nicht retten"

So hält McEwan uns einen Spiegel vor. Und wir erkennen in dieser Hauptfigur mehr von uns, als uns lieb sein kann. Deshalb ist das Buch nicht nur unterhaltsam, sondern auch zutiefst beunruhigend. "Literatur, an der ich interessiert bin, will untersuchen, wer wir sind, wie wir leben und was die menschliche Natur ist", so McEwan. Viel Vertrauen in die menschliche Natur hat er nicht. Er glaubt nicht, dass wir uns ändern werden.

Unsere einzige Chance: dass der Eigennutz der Menschen in vernünftige Bahnen gelenkt wird. Ohne neue klimaschonende Technologien, so McEwan, werden wir alle untergehen: "Tugend wird uns nicht retten. Es muss eine zweite industrielle Revolution geben. Die erste industrielle Revolution ist auch nicht gerade von guten Menschen gemacht worden. Und die neue industrielle Revolution wird Leute wie Michael Beard einladen, die reich werden wollen."

Mitreißend

So hat McEwan den ersten großen Roman zum Klimawandel geschrieben. Er hat ein sperriges Thema in ein mitreißendes Buch verwandelt. Ein Meisterwerk.

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