KT und die Tugend

Herles' Notizen aus Berlin

Einst standen die Bürger selbstbewusst gegen den Adel auf. Heute sind alle Adligen Bürger - Staatsbürger -, Gleiche unter Gleichen vor dem Gesetz. Was bleibt, ist der Klang der Titel: Barone, Grafen, königliche Hoheiten. Ihre Privilegien sind abgeschafft.

Es nützt nicht und es schadet nicht, adlig zu sein - sagt meine Freundin, die Baroness, eine Juristin mit Doktortitel, die den Namen Guttenberg nicht mehr hören mag. Bei dem allerdings scheint der Adelstitel doch noch als eine besondere Eigenschaft seiner Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Im Guten wie im Schlechten.

Standesehre - romantisches Hirngespinst

Ausgerechnet der postkommunistische Abgeordnete Dietmar Bartsch äußerte die Meinung, früher hätte ein Adliger gewusst, was er zu tun hat, wenn er mit so einem Schwindel auffliegt. Unsinn! Moralisch war der Adel nie etwas Besseres. Standesehre ist ein romantisches, kleinbürgerliches Hirngespinst.

Adel hat auch noch nie zu irgendetwas verpflichtet. Die Redensart lügt. Es stellt sich also heraus, dass Adel heute nur noch eine bürgerliche Vorstellung ist. Unterbewusster Neid? Warum sind royalistische Spektakel im Fernsehen so erfolgreich? Doch nicht, weil die Majestäten so glänzen, sondern weil die gaffenden Bürger ihre Träume auf sie projizieren und sich damit zu geistigen Untertanen machen. Ein wenig haben davon wohl auch die Guttenbergs profitiert.

Hochmut durch bürgerliche Tugenden

Was den nassforschen Baron zweifellos auszeichnet, ist sein strotzendes Selbstbewusstsein. Doch ist dies vermutlich kein Standesdünkel, sondern eher das Produkt von Reichtum und Erziehung. Sein Vater ist als Künstler, als Unternehmer und als politischer Querkopf, aber nicht als Oberhaupt einer uralten Dynastie eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Nicht der Adelstitel macht KT überlegen und hochmütig, sondern alte bürgerliche Tugenden. Ihnen verdankt er seinen Aufstieg, sie hat er jetzt verletzt.

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