Die Themen am 24. April 2015

Moderiert von Tobias Schlegl und Jo Schück

Die Themen und Gäste unserer Kultursendung am Freitag ab 23.00 Uhr.

Deutschland und Armeniens Genozid - Gedenken zum 100. Jahrestag

Verleugnetes Verbrechen: Am 24. April jährt sich der Völkermord an mindestens einer Million Armeniern im Osmanischen Reich zum 100. Mal. Die türkische Regierung weigert sich bis heute hartnäckig, die Massenmorde als Völkermord anzuerkennen. Und auch die deutsche Regierung drückte sich bisher, um den wichtigen NATO-Partner nicht zu verärgern. Wird sich das am Jahrestag nun endlich ändern?

2005 hieß es zwar in einer einstimmig vom Bundestag verabschiedeten Resolution, man bedauere "auch die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches, das angesichts der vielfältigen Informationen über die organisierte Vernichtung von Armeniern nicht einmal versucht hat, die Gräuel zu stoppen." Doch die Deutschen haben damals nicht nur geschwiegen und kaltblütig weggesehen: Das Deutsche Reich hatte die Türken zum Eintritt in den Ersten Weltkrieg getrieben, war der wichtigste Bündnispartner des Osmanischen Reiches. In seinem Buch "Beihilfe zum Völkermord" beleuchtet Jürgen Gottschlich die Rolle deutscher Militärs bei der Vernichtung der Armenier. Befohlen wurden die Massaker von einem diktatorischen Triumvirat der Jungtürken, die die christlichen Armenier zum Sündenbock einer militärischen Niederlage gegen die Russen machten. Sie seien Saboteure , wurden auf Todesmärsche geschickt, zu Tausenden ermordet. Die deutschen Militärs im osmanischen Heer befürworteten die "Ausrottung" nicht nur, sie machten sie durch ihre Unterstützung erst möglich. So wurde der Deportationsbefehl für die armenischen Arbeiter und Angestellten der Bagdadbahn von einem deutschen Offizier unterzeichnet.

Die deutsche Reichsregierung war über die Gräueltaten unterrichtet, doch Reichskanzler Hollweg lehnte Sanktionen ab. 1915 schrieb er: "Unser einziges Ziel ist, die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht." Nun hoffen die Armenier auf eine Entschuldigung von deutscher Seite und darauf, dass - wie bislang 22 Staaten und der Papst - nun auch die Bundesregierung den Völkermord offiziell so nennt. Heute gab es dazu im Bundestag eine ernste Debatte, in der sich nach Bundespräsident Gauck gestern auch Bundestagspräsident Lammert und viele Abgeordnete für eine klare Benennung als Völkermord aussprachen.

Der Dokfilm "The Forecaster" - Lässt sich die Zukunft berechnen?

Er ist "The Forecaster" - der Vorhersager: Martin A. Armstrong gehörte zu den teuersten Marktanalysten der Wall Street. Er rühmt sich, mithilfe eines eigens entwickelten, auf Zyklen und der Zahl Pi beruhenden Computermodells die Russlandkrise 1998/99, die Dotcom-Blase 2000, die Finanzkrise 2007, die Eurokrise 2009 vorausgesagt zu haben. Nur dies hat er nicht vorausgesehen: 1999 wird er wegen angeblichen Betrugs verhaftet, 12 Jahre bleibt er in Haft - ohne Prozess. Heute ist Martin Armstrong wieder da und warnt vor dem nächsten Crash: die wachsenden Staatsschulden weltweit seien ein gigantisches Schneeballsystem, das kollabieren werde - 2015, im Oktober!

Marcus Vetter hat sich auf die Spur des Finanzgurus gesetzt. In "The Forecaster" erzählt er Armstrongs Geschichte und begleitet ihn in den Jahren seit seiner Entlassung aus der Haft mit der Kamera. Entstanden ist ein rasend spannender Dokumentarfilm mit allen Elementen eines Thrillers: ein schillernder Protagonist, eine geheime Formel, mysteriöse Morde und eine Verschwörungstheorie um Macht und das ganz große Geld. Ist Armstrong ein Betrüger, ein Spinner oder ein Genie?, fragte schon der "New Yorker". Der Film zeigt: die Antwort ist komplex. So komplex wie unser Weltfinanzsystem. Der Zuschauer kann am Ende selbst entscheiden, wem er glaubt.

Zum 175. von Tschaikowsky: Die Russen und die Schwulen-Ikone

Zeitlebens fühlte er sich als Außenseiter: Peter I. Tschaikowsky. Er ist der prominenteste Fall eines russischen Künstlers, der als Homosexueller verfolgt und in seinem Schaffen behindert wurde. Womöglich kostete es ihn sogar das Leben. Zu seinem 175. Geburtstag begibt sich aspekte zusammen mit dem Weltklassepianisten Kirill Gerstein auf Spurensuche nach Klin - dem Ort, wo der Komponist zuletzt gelebt hatte. Zum Jubiläum bringt das dortige Archiv eine Neuausgabe all seiner Werke heraus. Vor allem in seinem berühmten ersten Klavierkonzert gibt es erstaunliche Entdeckungen zu machen. Gerstein zeigt uns am Originalflügel Tschaikowskys, welche Veränderungen nach dem Tod des Komponisten an seinem Werk vorgenommen wurden. Wir schauen aber auch, wie Russland im Jubiläumsjahr seinen bekanntesten schwulen Künstler ehrt.

Ausstellung über "Freundschaft" - Einblicke im Hygiene-Museum

Noch nie hatten wir so viele Freunde wie heute. Aber die wenigstens haben wir je getroffen, weil wir sie nur über Facebook kennen. Nach dem Motto: "Einem echten Freund sollte man wenigstens einmal im Leben begegnen!", hat die Künstlerin Tanja Hollander ihre 626 "Facebook-Freunde" besucht. Drei Jahre brauchte sie für diese Weltreise. Ihre Frage: Was macht Freunde eigentlich zu echten Freunden?
Im Dresdener Hygiene-Museum lädt ein "Kontinent der Freundschaft" dazu ein, über das, was uns verbindet, nachzudenken: Über die "Insel der Einsamkeit" und den Hundestrand, Verlässlichkeit, Vertrauen und Geborgenheit, Seelenverwandtschaft und Nähe. Aber auch über den Friedhof der verlorenen Freunde.

Wie engagiert soll Kunst sein? Renzo Martens an der Moral-Grenze

Renzo Martens sucht nach den Schmerzgrenze unserer moralischen Vorstellungen. Der Holländer geht in Flüchtlingslager und macht sich selbst und die Opfer zu Protagonisten seiner Videos. Er bringt zum Beispiel Menschen im Kongo bei, wie sie Fotos ihrer hungernden Landsleute machen, um sie zu verkaufen. Fragt UNHCR-Mitarbeiter, warum auf allen Zelten das Logo der Organisation prangt.

Ein Spiel der Provokation, das sich der Gefahr des Elendsvoyeurismus aussetzt. Sein neuestes Projekt spielt wieder im Kongo. Das "Institute for Human Activities" (IHA) ermöglicht ehemaligen Palmölplantagenarbeitern, im Kongo Kunst zu machen und damit Geld zu verdienen. Das Ganze landet in Form von Schokoladenskulpturen auf dem europäischen Kunstmarkt und jetzt als Dépendance des IHA in den Berliner Kunstwerken - mitten im gentrifizierten Berlin-Mitte. Renzo Martens will nicht weniger als den kongolesischen Dschungel gentrifizieren. Ein naiver Versuch der Weltverbesserung, oder ein Blick in die Abgründe zwischen der besitzenden und der bedürftigen Welt?

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