"aspekte on tour" am 15. Juli 2016

Auf sommerlicher Fahrt durch Sachsen-Anhalt

aspekte reist in der ersten Ausgabe der Sommerreihe "on tour" nach Sachsen-Anhalt, wo zwischen Halle und Dessau alte und neue Künste wiedererblüht sind. Katty Salié und Jo Schück erforschen den Spirit des Melt!-Festivals im ehemaligen Tagebau-Revier Ferropolis. Sie besuchen die neuen Dessauer Meisterhäuser und die lange vergessenen Schätze von Wörlitz. Vor dem Luther-Jubiläum sprechen sie in Wittenberg mit Margot Käßmann und Friedrich Schorlemmer. Ein Stelldichein mit Autoren, Künstlern und Musikern, die der Region neue Impulse geben.

Musik und Kohle

Ferropolis und das Melt-Festival

Spektakuläre Kulisse für das Melt-Festival ist "Ferropolis", ein gigantisches Industriedenkmal, nicht weit von Dessau. Entstanden ist "die Stadt aus Eisen“ auf einem ehemaligen Braunkohleabbaugebiet. Vor zwanzig Jahren noch mitten in einer wüstenähnlichen Kraterlandschaft angelegt, ist das Gelände mittlerweile zu großen Teilen von einem See umgeben - eine Halbinsel, auf der eine Handvoll riesiger Bagger und Abraummaschinen an die Vergangenheit dieses Landstrichs erinnern. Jo Schück erkundet dieses einzigartige Ensemble, spricht mit den Machern von Ferropolis über die Idee und die Chancen dieser Stadt, trifft ehemalige Arbeiter, einen Künstler, der hier aktuell ein Projekt gestaltet und fragt, wie dieses besondere Gelände den Spirit des Melt!-Festivals beeinflusst. Vom Braunkohle-Loch zum Kultur-Hotspot - ein gelungenes Stück Strukturwandel in Sachsen-Anhalt.

Wittenberg vor dem Luther-Jubiläum

Friedrich Schorlemmer im Gespräch

Seit langem schon laufen die Vorbereitungen für das große Reformationsfest 2017, denn dann jährt sich zum 500. Mal die Veröffentlichung von Martin Luthers 95 Thesen, die der Theologe der Legende nach an der Schlosskirche von Wittenberg angeschlagen hat. Wie kein anderer hat der Augustinermönch Luther die Geschichte Europas zwischen Mittelalter und Neuzeit geprägt. Es ist und bleibt erstaunlich, welche Wirkungsmacht seine theologischen Thesen entfaltet haben. Die Menschen Anfang des 16. Jahrhunderts waren begeistert von seiner Botschaft vom "gnädigen Gott", denn es entlastete sie wohl von einer übertriebenen Höllenangst.

Doch ohne die damalige Universitätsstadt Wittenberg hätte Luther seine epochale Wirkung kaum gewinnen können. Er brauchte das intellektuelle Umfeld - seine akademischen Freunde, wie den Griechisch-Experten Melanchton, der ihm bei der Übersetzung des neuen Testamentes half. Er brauchte den politischen Schutz des kursächsischen Landesfürsten Friedrich der Weise. Und nicht zuletzt sorgten die wirkungsmächtigen Porträts von dessen in Wittenberg ansässigen Hofmaler Lucas Cranach für Luthers Prominenz. Der Professor aus Wittenberg wird heute nicht mehr nur als Einzelkämpfer gesehen, der die ganze Reformation alleine gestaltet hat. Man sieht nicht nur den Reformer und Rebellen, den heldenhaften Begründer des Deutschen, zu dem man ihn im 19. Jahrhundert stilisiert hat. Heute, so Margot Käßmann, die Beauftragte der evangelischen Kirche für das Reformationsjahr 2017, sieht man den Menschen Luther "mit all seinen Stärken und Schwächen". So hat sich bereits im vergangenen Herbst die EKD-Synode offiziell von Luthers judenfeindlichen Texten distanziert. Wir treffen Margot Käßmann, Friedrich Schorlemmer und den Schriftsteller Bruno Preisendörfer in Wittenberg und sprechen mit ihnen über unser heutiges Luther-Bild.

Bildhauer Marc Fromm

In Holz geschnitzte Weltdiagnose
"Kunst kommt von Können". Diese veraltete Behauptung legt nahe, dass ohne handwerkliche Fähigkeit keine Kunst zu machen sei. Schon lange kann und darf Kunst Alles. Allerdings ist "Nichtkönnen" auch keine Voraussetzung. Marc Fromm hat vor dem Kunststudium mit einer Schreinerlehre angefangen. Seine Art, mit Holz zu arbeiten, hat altmeisterliche Qualitäten und zeugt von großem Gespür für Form und Material. Die "Krippe von Halle", ein Asia-Imbiss mit schwebender Kleinfamilie aus Holz, ist realistische Beobachtung und surreale Überzeichnung. Der gebürtige Hesse Fromm war 1999 nach Halle gekommen und lebt in der Stadt an der Saale, die von Brache und Armut bis Burgen und Hochkultur einiges zu bieten hat. Wenn Fromm zeitgenössische Schönheitsideale von Online-Partnerbörsen aus dem Holz schnitzt, spricht daraus der Drang, die menschliche Figur zu zeigen und Klischees aus der Onlinewelt in konkretes Material zu übersetzen. Fromm kommt aber auch ohne Holz aus. Die Installation "Lampedusa Good Luck" , ein Fließband, das Boote mit Winkekatzen in die Tiefe stürzen lässt, war 2015 am Rande der Biennale von Venedig zu sehen. Ein zynischer Kommentar auf die aktuelle Situation.
aspekte portraitiert einen Künstler, der mit scharfem Werkzeug arbeitet.

Neue Meisterhäuser

Moderne im Bauhaus Dessau
Die Meisterhäuser in Dessau sind die wohl berühmteste Künstlerkolonie des 20.Jahrhunderts – die Größen der Moderne Walter Gropius, Oskar Schlemmer, Georg Muche, László Moholy-Nagy, Lyonel Feininger, Wassily Kandinsky und Paul Klee bewohnten die Häuser mit ihren Familien in den 1920/30er Jahren. Die teilweise im Zweiten Weltkrieg zerstörten Häuser wurden mit Beginn der 1990er Jahre wieder aufgebaut, einzig das Haus Gropius und das Haus Moholy-Nagy fehlten bei der Rekonstruktion. Seit letztem Jahr sind auch diese beiden Häuser wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Nach jahrelanger Auseinandersetzung um das Erbe der Meisterhäuser und nach mehreren Architekturwettbewerben fiel die Wahl auf das Berliner Architektenbüro BrunoFiorettiMarquez. Mit ihrem Konzept der "unscharfen" Reparatur der Meisterhäuser errichteten die Architekten vollkommen neue Bauwerke, die sich in die ursprüngliche Meisterhäusersiedlung einfügen. Die Häuser sind eine Neuinterpretation mit zeitgenössischen Materialen und einer Bauweise, die ihresgleichen sucht. "Unser Konzept der Unschärfe verschreibt sich der Verweigerung von Detail. Wir wollten uns unterscheiden gegenüber der bestehenden Bauhaus-Architektur - in noch größerer Reduktion“, so das Architektenteam Fioretti und Marquez. Die Innengestaltung der Häuser übernahm der Künstler Olaf Nicolai. Seine Arbeit "Le pigment de lumiére" (2014) verbindet die Textur des Wandputzes mit dem Lichteinfall. Durch die feine Pigmentierung des Wandputzes wird das Licht reflektiert – eine Arbeit angelehnt an die Theorien des berühmten Bewohners des Hauses Moholy-Nagy. Seit 2016 werden die Meisterhäuser wieder in ihrer ursprünglichen Funktion genutzt – das Doppelhaus Muche/Schlemmer wird nach 90 Jahren erstmals wieder von Künstlern bewohnt, deren Arbeiten in einer Ausstellung im neu eröffneten Gropius Haus gezeigt werden. Die gerade eröffnete Trinkhalle Mies van der Rohes rundet das Ensemble der neuen Meisterhäuser ab.

Vergessene Schätze

Das Welterbe-Gartenreich Wörlitz

Wie kommt man eigentlich darauf, sich den Vesuv in den Garten zu stellen, eine neapolitanische Grotte in Originalgröße oder noch exotischer: einen Südsee-Pavillon,  Mitbringsel des legendären britischen Seefahrers Captain Cook? Im Gartenreich Wörlitz ist all das vor 250 Jahren Realität geworden - auf Wunsch des Dessauer Fürsten Franz. Die ewige Sehnsucht nach dem Süden, Fantasien von Bella Italia und Tahiti, der Geist der Aufklärung und die Schönheit der Antike – all das sollte in diesem Gartenparadies,  heute Weltkulturerbe, sozusagen in 3D verschmelzen. Nicht immer hatte der höchst ambitionierte Fürst dabei eine glückliche Hand – so sind etwa die Cookschen Schätze heute im Dunkel von Depots verschwunden statt im Licht der Öffentlichkeit zu glänzen. Schillernd dagegen: Lady Hamilton, eine erstaunliche Frau. "Hure" für die einen, "Weib des Jahrhunderts" für die anderen. In der Italomanie des Wörlitzer Gartenreichs spielt sie eine Hauptrolle - wie die Ausstellung "Lady Hamilton – Eros und Attitüde" im Wörlitzer Schloss gerade beweist.

Kunst in der Wohnbrache

Die Freiraum-Galerie in Halle

Das vergessene Viertel Freiimfelde - die 'graue Ecke von Halle' - ist ein einzigartiges Projekt: ein Wohnviertel in Halle als Kunstraum. Freiimfelde war eines der am stärksten entvölkerten Gebiete der Stadt, immer mehr Menschen zogen weg, 2012 gab es dort rund 60 Prozent Leerstand. Dann startete das Kunstprojekt – freischaffende nationale und internationale Künstler gestalten seither Gebäudefassaden. Wie gelingt die Belebung eines Stadtviertels durch Urban Art? Das Viertel "Frei im Felde" ist mittlerweile zur Kunst- und Kulturplattform geworden – in den Gebäuden entstehen Atelierflächen. Das zieht weitere Künstler an, die dort leben und arbeiten. Ein Viertel wird wiederbelebt!

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