Kultur statt Krise

Mit Kreativität und Größenwahn: die isländische Kultur erblüht

Jeden Sommer treffen sich die Isländer zur "Kulturnacht" - wenn Hunderte von Konzerten, Lesungen und Performances ihre Hauptstadt zu einer einzigen großen Bühne machen. Doch dieses Jahr ist etwas anders in Reykjavik: So viele Besucher gab es noch nie. Die Kultur scheint auf merkwürdige Weise von der Krise zu profitieren.

"Ich glaube nicht, dass viele Nationen das so haben, dass wirklich 60 Prozent von einer ganzen Nation auf einmal an einem Event teilnehmen", meint Hegi Jonsson. Für dieses besondere Stadtfest hat der Pop-Musiker seine Tournee unterbrochen. Sechs Jahre hat Jonsson in Österreich Musik studiert. Island endgültig verlassen kommt für kaum jemanden hier in Frage. Erst recht nicht nach der Krise.

Kultur nach der Krise aufgeblüht

"Die Stimmung hier ist sogar besser geworden", sagt Fernsehmoderator Egill Helgason. "Vor der Krise waren die Leute so materialistisch geworden. Jetzt gibt es weniger Leute mit Jeeps oder in Anzügen. Es ist gemütlicher. Die Kultur ist nach der Krise richtig aufgeblüht." Ein Finanzcrash als Nährboden für die Kunst? Die Isländer besinnen sich wieder auf das, was sie können - gemeinsam kreativ sein, wenn es sein muss, eben ohne Geld. Das geht in einer Nation, die so klein und verbunden ist, offenbar besser.

Helgi Jonsson
Helgi Jonsson Quelle: ZDF

Helgi Jonsson muss zum neuen Konzerthaus, um seine Gitarre pünktlich abzuliefern. Ein Musiker von den Faroer Inseln hat seine vergessen. Helgi hat die von seinem Vater organisiert. "Es können sehr viele sehr viel machen, denn es gibt diesen Austausch, diesen Deal. Darin steckt soviel Power", so Jonsson. "Man hilft einander: Ich spiel auf deiner Platte und dann kommst du zum Gig und spielst Kontrabass für mich." Für seine neue CD hat zum Beispiel die Dänin Tina Dico mit ihm einen Song geschrieben.

"Ein bisschen größenwahninnig"

Alle paar Monate gibt es zehn neue Bands in Reykjavik, sagt Helgi, so schnell ging das noch nie: "Jetzt, nach der Krise, kann sich keiner mehr leisten, ins Ausland zu gehen, weil es so teuer ist. Dann muss man schauen dass man hier was macht. Es will irgendwie jeder was Eigenes schaffen und die Isländer glauben auch, dass sie das können, sie sind ein bisschen größenwahninnig und das ist super für die Künstler, dass man größenwahnsinnig ist. Für den Bankbetrieb ist das nicht so gut. Da hat man nur eine Chance und dann ist es aus."

Helgi Jonsson hat gerade noch mal Glück gehabt: Aus einem riskanten Immobilienkredit vor dem Crash wurde durch Zufall nichts, deshalb hat er keine unbezahlbaren Schulden wie viele seiner Landsleute. Dass Island pleite ist, spürt man in Reykjavik kaum. "Ich hab nicht das Gefühl, dass wir eine Krise haben", sagt Jonsson. "Natürlich ist das nicht schön gegenüber den Familien, die es tatsächlich sehr schlecht haben in Island, die richtig arm sind oder Wohnungen verloren haben. Aber das Leben geht weiter." In Reykjavik kennen die Isländer die Tradition des "Waffelkaffee". Man lädt sich gegenseitig nach Hause ein und präsentiert ein kleines Kulturprogramm. Ob mit Profis oder Amateuren - das ist an diesem Tag egal.

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