Kunstfälscher-Skandal

Mehr Beltracchi-Fälschungen als bisher angenommen?

Endlich darf die Welt sehen, was er kann. Wolfgang Beltracchi, geborener Fischer, Entschuldigung: Fälscher. Er ist der "Player" im größten Kunstskandal Deutschlands. 30 Jahre hat er unerkannt Bilder nachgemalt. Nun muss er für sechs Jahre in den offenen Vollzug.

Wolfgang Beltracchi
Wolfgang Beltracchi Quelle: dpa

Er arbeitet am eigenen Mythos. Irgendwo zwischen Dürer und Rockstar. Das Ego des Fälschers will Aufmerksamkeit. Beltracchi inszeniert sich wie seine großenVorbilder, lässt sich zum Beispiel in Max Ernst-Pose fotografieren. Damit will er den Mythos des genialen Schöpfers für sich selbst in Anspruch nehmen. Das Foto-Copyright hat Manfred Esser, der in Bergisch Gladbach ein Fotostudio betreibt.

Robin Hood der Kunstwelt?

Doch trotz vorheriger Zusage wollte man nicht, dass "aspekte" Beltracchis neue Bilder zeigt. Begründung: "Alles was nur irgendwie mit Medien und Presse zu tun hat, müssen wir alles mit Herrn Birkenstock abstimmen." Beltracchis Rechtsanwalt heißt Raimund Birkenstock, der vorübergehend auch im Fall Kachelmann agierte. Er ist der "Strippenzieher" bei der Vermarktung des Großfälschers. Er entscheidet, wer wann welche Geschichte bringt.

"Ich finde, das schmeckt nicht gut", sagt dazu Kunsthändler Raimund Thomas. "Ein Anwalt hat die Pflicht, anwaltliche Vertretungen zu leisten. Und sich jetzt in das Management eines Mandanten in dieser Form auch noch sich einzuklinken - das macht auf mich keinen sehr sympathischen Eindruck." Ein Interview wurde aspekte verwehrt. Der Spiegel durfte. In einem Exklusivinterview bekam Beltracchi ausführlich Gelegenheit, sich als eine Art Robin Hood der Kunstwelt darzustellen. Frank und fast frei sprach er auch über seinen 700.000 Euro teuren Pool. Und dass er locker 50 Künstler nachmachen könne. Im Prozess wurden aber nur 14 Fälschungen verhandelt. Man fragt sich: Wie viele hängen noch da draußen in Sammlungen, Museen und Auktionshäusern?

Viele haben ordentlich verdient

"Beltracchi prahlt mit seiner 30-jährigen Fälscherkarriere", so Kunsthistoriker Ralph Jentsch. "Wenn man das mal hochrechnet: Zehn Bilder im Jahr zu malen, ist kein Problem. Da sind wir allein schon bei 300 Gemälden. Von Arbeiten auf Papier ganz zu schweigen." Und so schleuste das System Beltracchi Werke der klassischen Moderne in den Markt: Beispiel Campendonks. "Rotes Bild mit Pferd" Diese Fälschung wurde 2006 für 2,4 Millionen Euro im Kunsthaus Lempertz in Köln versteigert. Beltracchis Frau Helene hatte es eingeliefert. Sie behauptete, es stamme aus der Sammlung ihres Großvaters Werner Jägers Doch der hatte nie etwas mit Kunst zu tun. Experten nahmen den angeblich bei der Galerie Flechtheim gekauften Campendonk in das Werkverzeichnis auf. Das Auktionshaus prüfte nicht nach.

Über Jahrzehnte funktionierte dieses System mit zig anderen Fälschung dank steigender Kunstmarktpreise, Eitelkeit und Gier. Nicht nur Beltracchi hat ordentlich verdient - auch angesehene Experten, wie der Max-Ernst-Spezialist Werner Spies. Er verdiente sowohl daran, dass er Bilder für echt erklärte, als auch am Verkauf. Angeblich 400.000 Euro bekam er. Sieben Fälschungen Beltracchis adelte er zu Max Ernst-Originalen, weil er sie für echt hielt. Spies sagte dazu 2011 lapidar: "Ich habe es nicht gemerkt, gebe ich auch zu. Konnte ich auch nicht merken. Das konnte nur ein Labor merken."

Nicht nur materieller Schaden

Beltracchi hat alle genarrt. Doch irgendwer muss den Schaden kompensieren. Der Münchner Kunsthändler Raimund Thomas hat gerade 1,1 Millionen Euro nach Hannover. für einen gefälschten Campendonk zurück überwiesen. "Katze in Berglandschaft". Was ist es jetzt noch wert? "Der Rahmen etwa 3000 Euro", sagt Kunsthändler Thomas, "alles andere ist inzwischen wertlos geworden. Außer irgend einem Erinnerungswert. Aber wirtschaftlich hat es keinen Wert mehr." Thomas handelt seit 47 Jahren mit Kunst Er hatte die Beltracchi-Fälschung in den 90ern von einer New Yorker Galerie gekauft. Die werden ihm sein Geld wohl nicht zurückgeben. "Es ist so klar und so eindeutig in diesem Fall, dass ich mir nichts habe zu Schulden kommen lassen und Expertisen da waren und alle Leute, die davon was verstehen, gesagt haben, das Bild ist in Ordnung. Dass ich mich in einer guten Gesellschaft befinde, zum Beispiel des Museums in Hannover und vieler Anderer. Insofern muss ich sagen: Das muss ich hinnehmen. Das gehört mit zu meinem Berufsrisiko. Aber ich stehe eben auch für dieses Risiko ein."

Beltracchi hat nicht nur materiellen Schaden angerichtet. Letztendlich ist es unrelevant, ob Beltracchi vier oder 6 oder 10 Jahre Gefängnis bekommt für seine Taten", meint Jentsch. "Viel schlimmer ist, dass er nicht angehalten wurde vom Gericht, diesen Schaden wieder gut zu machen, den er angerichtet hat. Der Schaden, den er angerichtet hat, ist immens." Denn Beltracchi hat nicht nur die Bilder, sondern auch die Biographien berühmter Künstler verfälscht. Beltracchi selbst muss sich jetzt um seine eigene Karriere als Künstler sorgen machen. Denn vieles spricht dafür, dass er ein sehr guter Fälscher, aber kein genialer Künstler ist.

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