Kunstlicht aus dem hohen Norden

Die finnische Kulturhauptstadt Turku

Der finnische Sommer ist kurz, viel zu kurz. Gerade mal sechs Wochen bleiben den Bewohnern von Turku. Dann werden die Tage wieder kürzer, und die nächste Periode der Dunkelheit droht.

Installation "Colourscape"
Installation "Colourscape"

Wer die finnische Seele ergründen will, muss raus in die Natur. Gar nicht so einfach am wärmsten Tag des Jahres bei rekordverdächtigen 30 Grad die Abgründe nordischer Schwermut auszuloten. Im Kulturhauptstadtsjahr hat Turku das Schärenmeer vor den Toren der Stadt zum Kunst-Archipel erklärt. Irgendwo hier draußen auf dem offenen Meer soll ein erster Hinweis warten. Der Schriftzug gibt allerdings Rätsel auf. Ist das nun eine Aufforderung zum intensiveren Weinen? Ein finnisches Trostwort für melancholische Stunden? Kunst für die Fische?

Kunstinstallation "Flux-aura"
Kulturhauptstadt Turku

Schnitzeljagd nach Turku

Auf der Insel Korpo erwartet uns die Kuratorin Lotta Petronella. Vielleicht kann Sie etwas Licht ins Dunkel bringen. "Die Baltische See ist im Grunde Brackwasser, eine Flussmündung. Und deshalb gibt's ziemlich wenig Salz im Wasser. Den Künstlern ging es um unsere Vorstellung vom Wasser, immerhin bestehen wir Menschen aus etwa 70 Prozent Wasser und die Erde ist mit 70 Prozent Wasser bedeckt. Aber unsere Tränen sind salziger als das Baltische Meer. Wenn die See sprechen könnte würde sie wohl sagen: in deinen Tränen ist mehr Salz."

Die Fahrt nach Turku gerät zur Schnitzeljagd mit künstlerischem Anspruch. Nicht alles erschließt sich gleich als Kunst. Warum nur ist dieses Kissen aus Keramik? Geht dieser Bretterverschlag als finnische Version einer Windkraftanlage durch? Schräg das alles - aber schwermütig? Mitten im Nirgendwo stoßen wir auf eine kleine Galerie. Sandra Nyberg hat den Container als mobiles Atelier entworfen und hier draußen wochenlang den immer gleichen Baum gezeichnet. Mit Natur-Romantik hatte das nichts zu tun. Stattdessen wollte sie unser übliches Verhältnis von Arbeit und Entspannung umkrempeln. "Wenn man in die Stadt zur Arbeit pendelt, steigt der Stresslevel, je näher man kommt. Pendelt man aber hier raus, fühlt man sich gleich viel entspannter und ruhiger, selbst wenn da eine gleichförmige Arbeit wartet, die nicht sonderlich spannend ist."

Installation "Solaris Sauna"
Kulturhauptstadt Turku

Kultur tut gut!

Angekommen im Hafen von Turku. Der wurde mittlerweile auch - hm - renaturiert. Gearbeitet wird hier jedenfalls nicht mehr. Die Werften, die die Stadt einst groß gemacht haben, stehen leer. Nun soll Kultur die Lücken füllen. Die zentrale Ausstellungshalle wurde konsequenterweise in einer alten Lokomotiven-Fabrik untergebracht. Wieder geht's um unser Verhältnis zur Natur: hintersinnig, schräg, mit einer Neigung ins Surreale. Grotesk auch die prallen Mannsbilder des schwulen Kult-Zeichners Tom of Finnland. Seine Männerfantasien haben, rein proportional betrachtet, einen Hang zum Monströsen. Da kann der Durchschnittsmann tatsächlich schwermütig werden, dabei soll's in Turku doch um die therapeutischen Aspekte von Kultur gehen. Dazu Suvi Innilä, Programmdirektorin Turku 2011: "Unsere wichtigste Botschaft für Europa und den Rest der Welt lautet: Kultur tut gut! Wir wollen den Gedanken erforschen und weiterentwickeln, dass Kunst und Kultur für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden enorm wichtig sind."

Installation "Music of the spheres"
Kulturhauptstadt Turku

Das Vertrauen in die heilsamen Kräfte der Kultur hat einen konkreten Hintergrund. Turku leidet unter einer lange Periode der Dunkelheit. Die Zahl diagnostizierter Depressionen: Alarmierend hoch. Dass ein großer Teil der Stadt mit grauen Wohnblöcken zugestellt ist, macht das Klima nicht freundlicher. Von der traditionellen Holzbauweise ist nach mehreren verheerenden Bränden wenig übrig geblieben. Den Rest erledigten die Bomben des Zweiten Weltkriegs und die Bauwut der Investoren. Dass Turku Finnlands älteste Stadt ist, lässt allenfalls der mittelalterliche Dom erahnen. Ansonsten verströmt die Innenstadt den spröden Charme westdeutscher Fußgängerzonen. Da hilft nur die Flucht in die Fantasie.

Farben gegen Schwermutsattacken

So hat sich ausgerechnet die Stadtbibliothek zum sozialen Zentrum gemausert. Während Berlin etwa 66 Cent pro Jahr und Einwohner in Neuerwerbungen investiert, liegt Turku bei 4,80 Euro. Entsprechend ist die Lesekultur ausgeprägt.Bei massiven Schwermutsattacken hilft allerdings nur noch Farbtherapie. Eine labyrinthische Rauminstallation demonstriert den euphorisierenden Effekt reiner Farben. Simon Desorgher, Leiter der Installation "Colourscape": "Viele unserer Besucher können ihre Gefühle hier drin nur schwer beschreiben, weil sie nie zuvor mit solch starken Farben konfrontiert waren. Das wird dann schnell poetisch: das fühlt sich an, wie in einem Regenbogen eingewickelt zu sein. Oder: Man kann die Farben geradezu atmen. Sie sagen solche Dinge, weil sie's mit gewöhnlichen Worten nicht ausdrücken können."

Lichtinstallation "Colour-Scape" in Turku
Kulturhauptstadt Turku

Die Jugend vertraut dagegen auf traditionelle Stimmungsaufheller. Beim Elektrofestival Turku Modern fließt der Alkohol in Strömen. In Finnland nichts Ungewöhnliches. Den dicken Kopf kann man ja am nächsten Tag auskurieren. Ganz entspannt bei der Arbeit - weit draußen in den finnischen Schären. Einen kurzen Sommer lang.

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