Kurt Gerrons bewegendes Schicksal

Ein Gespräch mit Charles Lewinsky, Autor von "Gerron"

Man kennt seine Stimme von Mackie Messers Moritat in der Dreigroschenoper: "Und der Haifisch, der hat Zähne ...". Kurt Gerron ist ein erfolgreicher Theater- und Filmstar, in den 30er Jahren reüssiert er als Regisseur. 1944 wird er von den Nazis ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dort gezwungen, einen Propagandafilm über das Ghetto zu drehen. Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky hat einen Roman über Kurt Gerrons Leben geschrieben. Ergreifend und gut recherchiert -und da, wo es nichts zu recherchieren gab, glaubhaft erfunden.


aspekte: Warum ist gerade der Schauspieler und Regisseur Kurt Gerron Ihnen nicht aus dem Kopf gegangen?


Charles Lewinsky: Manchmal ist es so, dass eine Geschichte wie ein Widerhaken irgendwo im Kopf hängen bleibt und man über Jahre immer wieder dran denkt. Das ist so, als ob man eine Melodie hat, die sich immer im Ohr dreht, die man nicht los wird. Und bei mir ist das ein einziges Mittel dagegen, sie zuende zu denken und zu schreiben. Wenn es geschrieben ist, dann bin ich die Geschichte los, dann ist der Haken draußen.


aspekte: Das Ende von Gerron ist ja bekannt, aber seine Kindheit, der Beginn von Gerrons Karriere, vor allem seine Vergangenheit, seine Kindheit und Jugend und auch der erste Weltkrieg waren unbekannt. Sie haben ihm eine Kriegsverletzung angedichtet oder weitergedacht. Wie kamen Sie darauf und warum braucht der Roman das?


Lewinsky: Wenn man sich erinnert, und es ist ein Roman aus der Perspektive eines Menschen, der sich an sein Leben erinnert, dann erinnert man sich am stärksten an seine Jugend. Und da man nichts über Gerrons Jugend weiß, musste ich diese Jugend erfinden, und sie möglichst so erfinden, dass sie zum erwachsenen Gerron, zu dem was er in seinem Leben gemacht hat, dann auch passt.


aspekte: Was für eine Kriegsverletzung hatte Gerron im ersten Weltkrieg erlitten?


Lewinsky: Ich musste mich für irgendeine Verletzung entscheiden, so wie ich mich für irgendeine Schlacht, für irgendeinen Kriegsschauplatz entscheiden musste, weil darüber nichts bekannt ist. Das entsprechende Archiv ist im zweiten Weltkrieg abgebrannt. Ich habe aus verschiedenen Elementen, die von ihm bekannt sind, zum Beispiel aus der Tatsache, dass er nach dem Krieg erst so unförmig dick wurde, aus der Tatsache, dass er als großer Kinderfreund bekannt war und trotz glücklicher Ehe keine Kinder hatte, eine Kriegsverletzung erfunden, die ihn impotent machte. Das ist wohl kaum etwas, dass tatsächlich so gewesen ist. Aber das ist - was mir viel wichtiger erscheint in einem Buch - etwas, dass so gewesen sein könnte.

Charles Lewinsky liest aus "Gerron"


aspekte: Die Flucht in die USA hat er verpasst. Warum?


Lewinsky: Es gibt viele Theorien, warum ist er nicht geflohen. Und es gab diesen Agenten Kohner, dessen Archiv noch existiert. In diesem Archiv habe ich einen Brief von Gerron gefunden, in dem er verzweifelt darum bittet, Paul Kohner solle ihm doch ermöglichen, nach Amerika zu gehen, um dort wieder ins Filmbusiness einzusteigen. Kohner schreibt ihm einen sehr netten, aber nicht viel Hoffnung spendenden Brief zurück. Er hat wohl einfach den richtigen Zeitpunkt verpasst.


aspekte: War er zu naiv, zu egozentrisch, um mitzubekommen hat, was viele andere Schauspieler und Regisseure um ihn herum mitbekommen haben?


Lewinsky: Das glaube ich nicht! Er hat sich nach Holland abgesetzt und war in Holland sehr erfolgreich. Er war ein sehr erfolgreicher Filmregisseur, er hatte das Gefühl 'Ich bin aus Deutschland weg und hab mir in neuem Land etwas aufgebaut'. Mit dem Überfall der deutschen Truppen auf Holland hat damals niemand gerechnet.


aspekte: Gerron war Teil der ersten Inszenierung der Dreigroschenoper. Wie verstand er sich mit Brecht?


Lewinsky: Gerron und Brecht müssen sich am Anfang sehr gut verstanden haben, denn er hat in mehreren Brecht-Produktionen mitgespielt. Sie haben sich dann bei der Produktion von "Happy End" total zerstritten. Da muss es einen Riesenkrach zwischen ihnen gegeben haben, der damit endete, dass sie sich wirklich gehasst haben. Das ging soweit, dass, als sie beide als Emigranten in Paris aufeinander getroffen sind, Brecht so fürchterliche Dinge über Gerron gesagt hat, dass man sie kaum glauben würde, wenn sie nicht belegt wären.


aspekte: Was hat er gesagt und wo sind sie belegt?


Lewinsky: In den Memoiren von Ernst Josef Aufricht, der war Direktor bei der Dreigroschenoper. Aufricht war mit Brecht in Paris und als sie auf Gerron trafen, sagte Brecht 'Guck mal an, diesen riesigen Haufen Scheiße konnte noch nicht mal Adolf Hitler wegschaffen'.


aspekte: Gerron hat die Macht Hitlers völlig falsch eingeschätzt und auch den Moment, in dem man verstehen muss, dass Gefahr droht - als er Regisseur rausgeschmissen wird. Wie war das und warum geschah das so spät?


Lewinsky: Man ist ja, wenn man einen Film nach dem anderen dreht, nicht in der wirklichen Welt - man lebt in einer sehr künstlichen, geschlossenen Welt. Ich glaube, bei der Ufa haben sie gar nicht realisiert, was da draußen passiert. Sie waren ja Stars, bejubelt und beliebt. Die konnten sich gar nicht vorstellen, dass man ihnen was antut.


aspekte: Was war der Moment, in dem er tatsächlich seinen Job als Regisseur vorlor?


Lewinsky: Göbbels hielt eine Rede vor den versammelten Filmdirektoren im Kaiserhof, und am nächsten Tag wurden sämtliche jüdische Mitarbeiter aus den Studios geschmissen. Gerron dreht damals als Regisseur einen Film. Stellen Sie sich vor, der Regisseur ist gerade dabei eine Szene zu drehen und dann kommt jemand rein und sagt: 'Ab sofort ist alles anders. Alle Juden verlassen das Atelier'. Das muss ein fürchterlicher Schock für ihn gewesen sein.


aspekte: Da gab es, was diesen Moment angeht, Zeitzeugenberichte, zum Beispiel von Magda Schneider. Sie haben die Szene anders recherchiert als Magda Schneider - inwieweit?


Lewinsky: Ich glaube nicht, dass ich sie anders recherchiert habe. Ich habe mir sie anders gedacht. Schreiben heißt ja vor allem, sich Dinge sehr gründlich vorstellen. Man weiß, der Satz ist überliefert, dass das Kommando hieß 'Alle Juden verlassen das Atelier'! Und in den Erinnerungen der Leute, die dabei waren, ist es dann immer der einsame Gerron, der allein aufsteht und hinausgeht. Und ich glaube einfach nicht, dass es so gewesen ist. Da waren bestimmt mehrere jüdische Mitarbeiter im Atelier, die da rausmarschieren mussten.


aspekte: In Theresienstadt bekommt Gerron den Auftrag einen Film zu drehen. Inwieweit hat er eine Chance, den abzusagen? Inwieweit hat er überhaupt eine Entscheidung?


Lewinsky: Realistisch gesehen hat er bestimmt keine Chance. Gegen einen Befehl des Lagerleiters gab es keine Widerspruchsmöglichkeit. Das hätte auf alle Fälle Deportation und damit Selbstmord bedeutet. Aber innerlich, glaube ich, muss ihn das sehr hin- und hergerissen haben, weil dieser Film ja von ihm verlangte, dass er alles verleugnet, was er erlebt hat, was er erlitten hat, dass er sich in einer Weise verbiegt, wie es kaum vorstellbar ist. Er sollte das Lager, wo er jeden Tag Leute verhungern sah, als Paradies schildern. Eine fürchterliche Aufgabe!


aspekte: Inwieweit macht ihm die fürchterliche Aufgabe manchmal sogar Spaß?


Lewinsky: Durch diesen Film bekam er plötzlich eine Möglichkeit, an die er schon nicht mehr geglaubt hatte. Er dürfte noch einmal Regisseur sein, er durfte noch einmal das tun, was er am liebsten tat, was er am besten konnte, er war für einmal nicht mehr der Gefangener, der Anonyme, er durfte noch mal einen Film drehen. Ich glaube, es muss eine sehr große Versuchung gewesen sein. In Theresienstadt haben die Sänger gesungen und die Professoren kluge Vorträge gehalten. Es war kein Konzentrationslager. Es war ein Lager, in dem man sich einreden konnte, es gäbe noch einen Hauch von Normalität.


aspekte: Gerrons Gewissenskonflikt strukturiert ihr Buch. In dem Moment, in dem er den Auftrag zum Propagandafilm bekommt, setzt das Buch ein. Wie ist das mit dem menschlichen Willen? Hat Sie die Tragik von Gerron auch dahingehend interessiert, dass der menschliche Wille in dem Moment, in dem man in einem KZ ist, gar keine Freiheit mehr hat oder gar nicht mehr als solcher existiert?


Lewinsky: Was mich immer wieder fasziniert, ist, dass wir Leute, die zum Beispiel in der Nazizeit zu Opfern gemacht wurden, dann nur noch als Opfer erinnern. Dass wir ihre Lebendigkeit, ihre ganz anderen Interessen eigentlich vergessen. Und es bleibt von ihnen nichts übrig als die Opferrolle. Aber der Mensch wurde nicht als Opfer geboren. Gerron war ein Schauspieler, er war ein eitler Mensch, er war ein überaktiver Regisseur, ein äußerst lebendiger Mann. Und der wurde zum Opfer gemacht. Dieser Kontrast zwischen Erfolg, auch einer gewissen Maßlosigkeit, und der völligen Hilflosigkeit und Widerstandslosigkeit, zu der er gezwungen wurde, das hat mich fasziniert.


aspekte: Gerron ist sehr häufig als Mittäter kritisiert worden. Inwieweit rehabilitieren Sie ihn durch diesen Roman.


Lewinsky: Ich glaube nicht, dass Geron eine Rehabilitierung braucht. Jemandem, der in dieser Situation war, vorzuwerfen, er hätte kooperiert, ist völlig lächerlich. Es ist der Versuch, Moralvorstellungen einer heilen Zeit auf eine sehr unheile Zeit anzuwenden, das funktioniert so nicht.


aspekte: Gerron sagt in Ihrem Buch: "Mein größter Fehler: Ich glaube an die Inszenierbarkeit der Welt".


Lewinsky: Gerron war ein sehr erfolgreicher Regisseur und irgendwann gibt es eine Realitätsverschiebung in diesem Beruf. Man kann ja alles herstellen, man kann Szenen bauen, man kann sich jede Szene ausdenken und irgendwann glaubt man dann, die Welt nach seinen Willen verändern zu können. Mann muss sich nur Mühe geben, dann wird das schon so, wie ich es haben möchte. Und er musste lernen, dass das in dieser Situation im Lager von Theresienstadt überhaupt nicht mehr funktioniert. Dass er da nichts mehr zu inszenieren hat, dass er Teil einer Inszenierung geworden ist, einer sehr scheußlichen Inszenierung, und dass ihm gar nichts übrig bleibt, als die zugeteilte Rolle zu spielen.


aspekte: Ihr Gerron ist ja einsichtig, er geht sehr hart mich sich ins Gericht. Ist das realistisch?


Lewinsky: Was ich versucht habe zu zeigen, ist, wie man in einer solchen Situation zwischen sehr verschiedenen Haltungen schwankt. Es ist ja nicht so, dass er die ganze Zeit logisch argumentiert, das kann man gar nicht. Er redet sich ein, jetzt hab ich es geschafft, jetzt komme ich raus, jetzt bin ich Herr der Situation. Und fünf Minuten darauf ist er völlig niedergeschlagen und sagt, ich habe immer alles falsch gemacht, und es ist alles mein Fehler. Dann wieder sieht er sich als Opfer. Dieses Hin- und Hergerissensein zwischen ganz verschiedenen Haltungen, das passiert uns doch allen, wenn wir in einer Krise stecken.


aspekte: Wurde der Film über Theresienstadt aufgeführt?


Lewinsky: Der Film wurde vom Standpunkt der Nazis zu spät gedreht. Er hatte keine Wirkung mehr. Es wurde ein kurzer Ausschnitt in der Wochenschau verwendet, um zu zeigen, dass unsere tapferen Jungen an der Front leiden, während die Juden in Theresienstadt ein Leben im Saus und Braus führen. Er wurde dann noch mal einer Delegation des Roten Kreuzes in Theresienstadt vorgeführt, aber so spät, dass die Botschaft des Films niemanden mehr täuschen konnte.

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