Leitkultur Sex

Italiens Frauen gegen Berlusconi

Sie hängen an Fleischerhaken wie Schinken in der Osteria, sie ersetzen Tischbeine, räkeln sich obszön auf Surfbrettern: Frauen im italienischen Fernsehen. Riesenbrüste und nackte Hintern sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Selbst die Nachrichten werden ausschließlich aus Mündern verlesen, die mit Silikon aufgespritzt sind. Nach Jahren der Duldungsstarre wehren sich die Italienerinnen gegen Regierungschef Silvio Berlusconi, vor allem aber gegen das Frauen-Bild, das Berlusconis Medien verbreiten. Wie Frauen im italienischen Fernsehen zu reinen Lustobjekten degradiert werden, zeigt der Dokumentarfilm "il corpo delle donne" - "Der Körper der Frauen".

Die Soziologin Lorella Zanardo hat ihn gedreht, heftige Diskussionen ausgelöst und landesweit die echten, realen Frauen mobilisiert. Hunderttausende gingen in der vergangenen Woche auf die Straße und protestierten gegen das Frauenbild, das von Berlusconi und den italienischen Medien verbreitet wird.

Die Frau als Lustobjekt oder Deko

Doch bislang hat Berlusconi alle Anfechtungen und Skandale unbeschadet überstanden - auch die Affäre um jene Geliebten, die er in politischen Ämtern installiert hat. "Das italienische Fernsehen zeigt ausschließlich einen Frauentyp - die Frau als Lustobjekt", sagt Filmemacherin Lorella Zanardo. "Und eine Variante desselben Typs: die Frau als schöne Dekoration. Als Lustobjekt ist sie sexy, mit großem Busen und sehr weiblich. Als Deko-Gegenstand ist sie stumm, spricht nie, aber lächelt immer." Die Literaturwissenschaftlerin und Filmemacherin Zanardo hat lange im Ausland gelebt. Nach ihrer Rückkehr war sie schockiert über das Frauenbild im italienischen Fernsehen. Darüber hat sie einen Dokumentarfilm gemacht. "Der Körper der Frauen" besteht ausschließlich aus Fernsehausschnitten mit Frauen - jung und sexy -, einige vom Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi persönlich ausgesucht.

Seit 17 Jahren bestimmt Berlusconi die italienische Politik. Auch seine Sexskandale haben ihm nicht geschadet. Seinen Gespielinnen hat er zuerst Fernsehauftritte verschafft und dann politische Ämter: wie der Zahnhygienikerin Nicole Minetti oder dem ehemaligen Nacktmodell Mara Carfagna - sie ist jetzt Ministerin für Gleichstellung. Und der Regierungschef prahlt mit seinem Ministerinnen-Harem. "Letztlich ist es den Italienern völlig egal, wie viele Geliebte er hat", sagt Lorella Zanardo. "Sie hätten auch gerne so viele wie er, wenn sie könnten. Mit seinen jungen Frauen ist er der meistbeneidete Mann des Landes. Nur langsam verliert er den Rückhalt, weil er es einfach übertreibt."

"Italien ist kein Bordell"

Basta, sagen jetzt die Frauen - es reicht. Eine Millionen Italienerinnen sind in der vergangenen Woche überall im Land auf die Straße gegangen. "Italien ist kein Bordell" - so ihr Slogan. "Mit dieser Demo - und es ist ganz wichtig, dass gerade die Frauen das ins Leben gerufen haben - sagen wir, es ist Zeit, dass die Ära Berlusconi zu Ende geht", so Oppositionspolitikerin Laura Garavini. "Es ist Zeit, dass das Land einen neuen Regierungschef bekommt." Aber warum erst jetzt? Warum haben viele Frauen Berlusconi immer wieder gewählt? "Das waren vor allem die Frauen über 50, das sind 15 Prozent", sagt Lorella Zanardo. "Diesen Frauen, denen sich der Wohlstand Italiens verdankt, die ihre Pension teilen und auf die Enkel aufpassen, dankt niemand- außer einem: Berlusconi. Er umwirbt und verführt sie mit seinen Auftritten im Fernsehen."

Der letzte Auslöser für die Proteste war Berlusconis Verhältnis zu der heute 18-jährigen Ruby. Zum Zeitpunkt ihrer Besuche in seiner Villa war sie noch minderjährig. Doch der Protest gilt nicht nur Berlusconis Orgien. Er gilt vor allem dem sexistischen Frauenbild in den Medien - die Berlusconi gehören. Für die Mehrheit der Italienerinnen sind die Demonstrationen auch ein Kampf gegen die "Herrschaft der Huren". So nennen sie die Pornographisierung der Gesellschaft. "Selbst Frauen, die kompetent und seriös sind - ob Fachfrauen oder sogar Politikerinnen - alle müssen im Fernsehen sexy aussehen wie die Tänzerinnen", erklärt Lorella Zanardo. "Man findet keine Darstellung von Frauen, die den Italienerinnen in der Wirklichkeit entsprechen."

Die Richterin und die Prostituierte

Doch jetzt wird Berlusconi ausgerechnet eine Frau gefährlich, die sehr real ist. Die legendäre Staatsanwältin Ilda Boccassini. In der Ruby-Affäre klagt sie den italienischen Ministerpräsidenten an wegen Prostitution mit Minderjährigen und Amtsmissbrauch. Am 6. April muss Berlusconi vor Gericht erscheinen. Die Richterin und die Prostituierte, zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, stehen für zwei Prinzipien, zwei Haltungen, zwei Welten: den falschen Schein gegen das Recht. Bunga Bunga gegen Anstand und Würde. Italien ist ein gespaltenes Land. "Es gibt zwei Italien. Eine Minderheit, die versucht, ihren Kindern eine gute Bildung zu geben und sie ins Ausland zu schicken", sagt Lorella Zanardo. "Und die Mehrheit der Italiener, die sich das nicht leisten kann. Für sie ist das Fernsehen der Babysitter, die Lehrerin. Das bedeutet: Eine Frau, die heute 35 Jahre alt ist, hat seit ihrer Geburt auf dem ersten, zweiten, dritten, vierten Kanal nur dieses Frauenbild gesehen. Sie glaubt natürlich: Das ist das Bild, das zählt."

Wir wollen ein Land, das die Frauen respektiert, hieß es auf den Demonstrationen. Sogar die Kirche - bisher eher zurückhaltend mit ihrer Kritik an Berlusconi - hat die Proteste unterstützt. Werden es also, wie viele hoffen, die Frauen sein, die Berlusconi stürzen? Lorella Zanardo ist sich nicht sicher: "Ich weiß es nicht, wirklich nicht. Die Möglichkeiten unseres Premierministers sind bekanntlich unendlich. Er wird schon wieder irgendein Schlupfloch finden. Ich weiß nicht, was passieren wird." Laura Garavini betont noch einmal: "Die Frauen sind mit Berlusconi zur Ware geworden, und wir wollen eine Gesellschaft in der die Frauen keine Ware sind, keine Objekte, sondern Protagonistinnen der Gesellschaft." "Warum nehmen wir diese täglichen Demütigungen hin", fragt die Dokumentarfilmerin am Ende ihres Films "Warum kämpfen wir nicht für unsere Rechte?".

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