Les contes de la nuit

Glück und Gerechtigkeit im 3D-Scherenschnitt

Der französische Film "Les contes de la nuit" (Geschichten der Nacht) ist in jeder Hinsicht ein äußerst ungewöhnlicher Berlinale-Beitrag - erst recht im Wettbewerb. Zum einen ist es ein farbenfroher Animationsfilm in 3D, aufgeteilt in mehrere kleine Geschichten und das Überraschendste: alle Erzählungen enden glücklich und gerecht.

Eine Seltenheit im Wettbewerb, bei dem normalerweise das Elend der Welt in fast jedem Film in immer wieder in unterschiedlichsten Facetten vertreten ist - was die meisten Geschichten verständlicherweise nicht gut ausgehen lässt.

Märchen in in Scherenschnitt-Ästhetik

Der französische Regisseur Michel Ocelot hat einen Märchenfilm geschaffen: Als Rahmenhandlung dient die Zusammenkunft eines Jungen und eines Mädchens, die von einem älteren Techniker in einem Theater ermuntert werden, sich Geschichten auszudenken und sie nachzuspielen. Die Figuren in Scherenschnitt-Ästhetik, aber mit effektvoller Umgebung und in phantasievollen 3D-Welten spielen sie sechs kurze, selbstentwickelte Märchen, angesiedelt in verschiedenen Regionen der Welt, von Europa, Ägypten bis Tibet.

Da retten selbstlose Prinzessinnen ihre Helden, die bei Vollmond zu Werwölfen werden. Auf den Antillen landet ein optimistischer Wanderer in der Unterwelt - und gibt seinen tierischen Gegnern Futter statt Gift. Die wiederum retten ihm später dafür das Leben. Ein Junge in Afrika, immer ausgelacht für seinen Drang zur Musik, trommelt mit seinen magischen Händen die Feinde in die Flucht.

Belohnung für den ehrlichen Weg

Und ein Junge, der niemals lügt, bekommt dafür am Ende Königreich, Prinzessin und ein Kind. Wie in Volksmärchen üblich, sind die Naturgesetze aufgehoben - eine Prinzessin taucht nach der goldenen Kette im endlos tiefen Brunnen und findet sie, der Wanderer hat immer das richtige Futter für jede Kreatur dabei, der furchtlose Kämpfer wird vom Monster geschluckt und arbeitet sich siegreich mit dem Schwert wieder heraus. So einfach kann es sein.

Die Geschichten haben zwar Märchenform, aber gehen noch darüber hinaus: Die Helden haben keinen Moment des Zweifelns, sie durchleben keine Metamorphose, machen nie etwas falsch. Allen Erzählungen ist gemeinsam: die Hauptfigur ist immer grundgut, naiv und weicht nicht einen Moment vom ehrlichen, moralischen Weg ab. Und dafür wird sie am Ende immer belohnt.

Amüsierte Lacher und Widerwillen

Dass das Schicksal dieses Gutmenschentum in jeder Geschichte honoriert - dafür erntete der Film an vielen Stellen amüsierte Lacher in der Vorführung im Berlinale-Palast. Psychologisch gelten Märchen als Projektionen von Wünschen und Ängsten - "Tales of the Night" versucht das Experiment, dies auf die Spitze zu treiben: Was wäre, wenn es keine Angst mehr geben muss - was, wenn man nur immer unbeirrt furchtlos das Richtige tut und alles wird gut?

Ocelots Film wäre ein Hang zum Kitsch und zur Wiederholung anzukreiden - nach der vierten Geschichte mit erfolgreichen Helden, glücklichen Prinzessinnen und dem Ende voll ausgleichender Gerechtigkeit regt sich beim Zuschauer leichter Widerwillen. Doch vielleicht funktioniert der Film gerade wegen dieser Übertreibung: Die Unschuld, Ehrlichkeit und Naivität gewinnt - warum eigentlich auch mal nicht? Die reale Welt ist schließlich schmutzig und unfair genug.

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