London Calling

Was die Ausschreitungen bedeuten

Der Qualm ist für's Erste verraucht - der Konflikt geht verbal weiter, in den Gerichtssälen, im Parlament, den Medien, in den Communities, im ganzen Land: Wie geht es weiter in London, in England, was tun mit der "Broken Society", wie Regierungschef Cameron diagnostizierte?

Es sind Bilder wie im Krieg: Enfield Nord-London, 9. August: Eine brennende Lagerhalle voller Musik, Filme und Computerspiele. Zehn Tage später noch immer Flammen, 25 Millionen DVDs zerstört. Ein Großteil davon ist das täglich Brot kleiner Firmen und Verlage - ihre Existenz und damit die Zukunft vieler Künstler ist nun gefährdet.

Sozialabbau und Korruption

David Wilkinson verlor circa 60.000 Film-DVDs, ein Großteil davon gedreht mit Kleinst-Budget. Engagierte Filme, die oftmals von denen erzählen, deren Geschichten sonst nirgendwo erzählt werden: "Wir Filmemacher sind außer uns", sagt David Wilkinson. "'Unserer Leute', könnte man sagen, die, mit denen wir uns in unseren Werken solidarisch erklären, zerstören nun unsere Arbeit und Zukunft."

Vier Tage Aufstand in Stadtteilen, die viele Londoner kaum je betreten. Gewalt, Plündereien, "Spontan-Shopping" der Armen, wie jemand böse schreibt. Ausnahmezustand. Dabei haben es viele kommen sehen - darunter auch der Regierungschef David Cameron: "Schon in meiner ersten Rede als Premierminister habe ich gefordert: 'Wir müssen unsere zerbrochene Gesellschaft heilen.'" Tatsächlich forciert er mit seiner Regierung seit Jahren einen neoliberalen Kurs, Wachstum und Konsum sowie Bildungs- und Sozialabbau. Die Oberen in Regierung und Wirtschaft, der Skandal um Rupert Murdoch. Sie machen derweil Schlagzeilen mit Gier und Korruption.

Aufbegehren hat Tradition

Der Schriftsteller James Miller sagt: "Klar, es gibt hier eine Art Autoritätskrise. Die jungen Leute haben keine Idole. Niemand orientiert sich heutzutage an einem Politiker. Für Politiker gilt: Zu den jungen Leuten haben sie jeden Bezug verloren." James Miller hat zwei Romane verfasst, die sich mit Zukunftsszenarien der westlichen Gesellschaft auseinandersetzen. Der Literatur-Professor lebt selbst in einem "Problemviertel": "In England begegnet man den Armen traditionell mit Hass und Verachtung. In Zeitungen bezeichnet man sie immer wieder als der Dreck, als Abschaum oder Tiere."

"Der Aufstand wird kommen" prophezeien die Kaizer Chiefs. Gewaltsames Aufbegehren hat in England Tradition: Brixton 1985, danach Tottenham, Bradford. 2010 wurden sogar Charles und Camilla attackiert. Aber das ist nur die jüngere Geschichte: Der Historiker Clive Bloom befasst sich mit den "Riots" in London seit 2000 Jahren. Sein Buch war innerhalb der letzten Woche ausverkauft: "Normalerweise sind Aufstände politisch motiviert. Bei diesem Aufstand ging es um bloßen Konsum. Glauben Sie es oder nicht: Solche Aufstände gab es zuletzt vor ca 300 Jahren in London, im 18. Jahrhundert."

Jugend ohne Zukunft

Parallelen zu vergangenen Zeiten gibt es noch mehr: Dank der allgegenwärtigen Kameras in London stellt die Regierung die Randalierer nun öffentlich an den Pranger, ruft auf, diese zu identifizieren. Und greift hart durch: Junge Randalierer landen schon wegen kleiner Vergehen für Jahre im Knast. Und in Zukunft will man - Sträflinge - orange gekennzeichnet - zur Strafarbeit schicken. "Die britische Gesellschaft war niemals richtig weit weg von einer gewissen Form mittelalterlicher Erniedrigung", sagt James Miller. "Zur Zeit suchen die Richter Sündenböcke und urteilen mehr nach Gesichtspunkten von Vergeltung und Rache denn nach Gerechtigkeit."

Stellenweise sieht es in Brixton und anderswo schon wieder aus, als sei nichts geschehen, und die Briten wie auch Touristen erfreuen sich an dem England, das sie am liebsten sehen. Aber geht es jetzt einfach weiter so? "Diese Krawalle sind zugleich einmalig in ihrer Art und doch Bestandteil einer Entwicklung, die wir zur Zeit in vielen Ländern des Westens erleben", sagt Miller. "Die Ursachen mögen verschieden sein, aber allen gemeinsam ist eine Jugend ohne Zukunft." Dies könnte nur die Spitze eines Eisberges sein", meint Clive Bloom. "Vieles was hier geschehen ist, könnte bald in anderen Ländern Europas passieren. Obwohl wir in England gerade rückständig erscheinen, sind wir damit gerade vielleicht ein Stück voraus."

"In Bildung investieren"

Es gibt auch Zeichen der Hoffnung: Internetverabredungen - jetzt zum Kehren statt zum Krawall. Die Aufstände führen die Briten zusammen wie lange nicht mehr. Gemeinsames Aufräumen, Solidaritätsaufrufe. England United, wie Statements von Passanten zeigen: "Wir müssen jetzt alle sehr vorsichtig sein. Wenn Premier Cameron weiter so hart vorgeht, könnte es weiter gehen mit den Riots." "Das sind noch immer so viele von uns, die weiter das Beste wollen." "Es geht um die Jugend. Man muss jetzt alles daran setzen, investieren in Bildung. Damit jeder das Gefühl erhält, er hat seinen Platz in der Gesellschaft."

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