Lustvoller Blick in Abgründe

Salome bei den Salzburger Osterfestspielen

Eines der größten Meisterwerke der Operngeschichte, 1905 war es revolutionär: "Salome" von Richard Strauss. Bei den Salzburger Osterfestspielen feiert die Inszenierung von Stefan Herheim an diesem Wochenende Premiere.

Mit einem Kanonenschuss beginnt Salome ihren Tanz der sieben Schleier, denn es ist Krieg. Krieg gegen den Mann schlechthin, gegen die Männer, die diese Welt regieren. Salome ist schön - und kalt wie der Mond. Einen Riesenmond gibt es auch auf der Bühne - als Projektionsfläche für alles, was Männern Spaß macht, und alles, was Männer fürchten. Mussolini und Hitler, Mohammed und Stalin, Cäsar und Kaiser Barbarossa: all die mächtigen Männer erleben in dieser Inszenierung ihr blaues Wunder. Sind sie doch allesamt dem Weib von Natur aus unterlegen und ihre weltliche Macht ist nur Ersatz.

"Unbeschreiblich böse"

Salome ist das Weibliche schlechthin - und deshalb nicht nur eine Frau. Die neue Salzburger Inszenierung ist bildgewaltig - sie steigert die Erotik der Musik und die orgastischen Entladungen im Orchestergraben noch. Die sieben Schleier werden zum Symbol der mörderischen Rache an den Männern, die die Geschichte beherrschen, doch nicht die Gewalt der weiblichen Natur. "Salome ist eines der großen Meisterwerke der Oper überhaupt", sagt Simon Rattler. "Aber man geht da nicht hin wegen ihrer vollendeten Menschlichkeit. Mir fällt keine andere Oper ein, wo die Leute so unbeschreiblich böse sind. Aber, mein Gott, wenn man wissen will, was da los war zur Jahrhundertwende in Mitteleuropa, dann erscheint dieses Stück wie der Nucleus von allem."

Die Osterfestspiele in Salzburg sind das kleinste, doch exklusivste aller Festivals - allein bestritten von den Berliner Philharmonikern. Der Aufwand für ein paar Konzerte und einer Opernproduktion mit nur zwei Vorstellungen ist gigantisch, wenn auch zu Eintrittspreisen bis 500 Euro teuer. So wie Herbert von Karajan einst für seine Förderer und Fans das Festival erfand, ist es trotz höchster künstlerischer Ansprüche nicht mehr zu rechtfertigen. "Dieses Geschäftsmodell machte in den Sechzigern irgendwie Sinn, aber jetzt nicht mehr, es ist verrückt", so Simon Rattle. "Aber ich hoffe, wir werden Salome in einer anderen Stadt aufführen. Und ich hoffe, wir können vielleicht das Festival so erweitern, dass es wirtschaftlich nicht mehr so untragbar ist."

"Höchst unanständig"

Monströs ist auch das Haupt des Propheten Jochanaan in Stefan Herheims Inszenierung. "Das Perverse an dieser Geschichte wird uns so unglaublich reich und großzügig schmackhaft gemacht", sagt Herheim. "Es zeugt von einer Kraft der Oper, das Perverseste sublim rüberzubringen - so dass wir uns tatsächlich auf ein Tabu einlassen, mit dem wir sonst nie umgehen würden. Ich glaube, die Oper weiß diese moralische Veranstaltung sehr gut zu betreiben - immer im Wissen, dass sie etwas höchst Unanständiges macht."

Stefan Herheim und Simon Rattle gelingen eine überwältigende Salome. Die Bilder sprengen die Grenzen des Darstellbaren, die Musik die Grenzen der Tonalität. Wann blickte man jemals lustvoller in die Abgründe des menschlichen Wahns? "Eigentlich sitzen die alle in diesem schwarzen Loch gefangen und suchen nach Gott", so Stefan Herheim. "Sie starren Löcher in den Mond auf der Suche nach Gott im unendlichen Jenseits. Und Gott ist nicht anderes als das Konstrukt von Männern, die sich eine göttliche Instanz überlegt haben, um damit in der Realität ihre eigene Ohnmacht kommunizieren zu können."

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