"Mabuses" Entdeckung des Körpers

Der flämische Renaissance-Maler Jan Gossaert

In der Renaissance wurde der Mensch neu erfunden. Kunst und Wissenschaft flossen zusammen. Michelangelo sezierte Leichen und riskierte dabei als Kätzer verbrannt zu werden. Die Darstellung des menschlichen Körpers wurde durch diese Erkenntnisse revolutioniert - auch in der Malerei.

Michelangelo, Leonardo oder Tizian sind die klingenden Namen dieser Epoche. Für Deutschland ist es Albrecht Dürer. Doch auch in der altniederländischen Kunst gab es einen großen Renaissance-Meister. Er nannte sich "Mabuse", nach der Stadt Maubeuge, wo er als Jan Gossaert 1478 zur Welt kam.

Malerisches Universum

In Londons National Gallery sind seine realistischsten Gemälde zurzeit zu sehen: so genau wie Fotos, doch zu Beginn des 16. Jahrhunderts gemalt. So akribisch im Detail, dass man zum Beispiel bei der Betrachtung eines Bildnisses der "Heiligen Drei Könige" denkt, einen Hut vom Boden nehmen zu können, riskiert, von einem Hund in die Wade gebissen zu werden oder erwarten, dass Engel auf unseren Schultern landen. Man könnte sich verlieren in solch malerischem Universum.

Über den Schöpfer dieser Bildwelt, Jan Gossaert, wissen wir kaum was, sagt Susan Foister, Kuratorin der Londoner Austtellung: "Wir wissen nicht sehr viel über seine Laufbahn. Nur, dass er wohl in Antwerpen begonnen hat und später seinem Mäzen Philipp von Burgund gefolgt ist, sowohl in den Norden, als auch in den Süden der Niederlande. Er hatte eine Frau und Kinder. Einige seiner Biographen behaupten, Gossaert hat ein sehr extravagantes und ausschweifendes Leben geführt, wie sein Mäzen."

Interessiert an sinnlicher Nacktheit

Als Michelangelo 1508 in Rom die Sixtinische Kapelle ausmalte, war Gossaert in der Stadt. Hier sah er das Schönheitsideal der italienischen Renaissance. Doch während Michelangelo Leichen sezierte, um die Anatomie des Menschen zu erforschen, war Gossaert an der Oberfläche des Fleisches interessiert - an marmornen Hauttönen und der Sinnlichkeit des nackten Körpers. Die biblischen Geschichten und mythologischen Motive waren oft Alibi, um Erotisches zu zeigen. Auch wenn uns das Schönheitsideal heute etwas merkwürdig anmutet.

Mit ausschweifender Phallussymbolik protzt Gossaerts Bild von "Hercules und Deianeira" (1517). Selbst hochreligiösen Motive scheinen für ihn nur Rechtfertigung, um die Sinnlichkeit einer weiblichen Brust zu zeigen. Für die Betrachter der damaligen Zeit sicher eine ungeheure Erfahrung. Gossaerts Vorbild war der große Jan van Eyck, bei dem es noch reserviert zuging und Nacktheit kaum eine Rolle spielte. "Wir können nur ganz schwer sagen, was die Menschen im 16. Jahrhundert erotisch fanden", sagt Susan Foister. "Gossaert kam in seinen Darstellungen weg von den sehr schlanken Frauenfiguren der Gotik - wie etwa bei Van Eyck Anfang des 15. Jahrhunderts. Gossaert ist übergegangen zu einem Frauenideal, das schon sehr in Richtung Rubens geht."

Unverstellte Portraits

Gossaerts verführerische Danae aus der alten Pinakothek in München ist leider nicht in der Londoner Schau zusehen. Ein magisches Bild: Er malte sie in dem Moment, wo sie den Gott Zeus in Form von Goldstaub empfängt. Gossaert war auch ein großer Portraitmaler, der kein Detail ausließ - auch wenn es für die Dargestellten oft wenig schmeichelhaft war. Selbst wenn es sich um die Kinder eines dänischen Königs handelte, malte er gnadenlos lebensecht. Die Londoner Ausstellung entdeckt einen Renaissancemeister, der auf seine ganz eigene Art malerischen Perfektionismus und Sinnlichkeit verband.

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