Mehr als eine Richterin

Jetzt liest sich ihr Buch "Das Ende der Geduld", das am kommenden Montag erscheint, wie das Vermächtnis einer erstaunlichen Frau. Denn eigentlich war Kirsten Heisig bloß ein kleines Rädchen im Getriebe - eine einfache Berliner Amtsrichterin mit dem Zuständigkeitsbereich Neukölln.

Warnschuss für jugendliche Straftäter

Sie wollte nicht mit ansehen, wie das Viertel in Gewalt und Kriminalität versinkt. Während viele den Problemkiez längst verloren gegeben hatten, setzte sie gegen massiven Widerstand innerhalb des trägen Justizapparats das "Neuköllner Modell" durch. Dieses Modell sieht vor, dass jugendliche Straftäter schneller als bislang vor Gericht gestellt und verurteilt werden, um bei ihnen einen pädagogischen Effekt zu erzielen, eine Art Warnschuss. In ihrem Buch schreibt sie "Wir wollen mit dieser Verfahrensart die gerade strafmündig gewordenen Täter erreichen, die beginnen, die Muskeln spielen zu lassen und gar nicht erst lernen sollen, dass staatliche Reaktionen meist unendlich auf sich warten lassen."

Kirsten Heisig wollte der Staatsmacht auch in der Parallelwelt der Migrantengesellschaft Neuköllns Autorität verschaffen. Der Staat solle kein zahnloser Tiger sein. Mit diesen Forderungen wurde sie zum Liebling konservativer Zeitgenossen und zum gern gesehen Talkshowgast. Kirsten Heisig galt als streitbare Praktikerin, die kein Blatt vor den Mund nimmt und die Dinge endlich beim Namen nennt, vor allem die massive Zunahme von Gewaltdelikten von türkisch- und arabischstämmiger Jugendlicher. In ihrem Buch prangert sie zudem die Machenschaften schwerkrimineller Familienclans an, die immer neue jugendliche Straftäter hervorbrächten.

"Vorbeugen statt Verurteilen"

Doch auch wenn die Boulevard-Presse sie gern dazu stilisieren wollte: Kirsten Heisig war keineswegs ein weiblicher Thilo Sarrazin, keine "Richterin Gnadenlos". Schärfere Gesetze und härtere Strafen hat sie nie gefordert. Vielmehr war sie beseelt vom erzieherischen Auftrag des Jugendgerichtes. Sie wollte, wie sie in ihrem Buch schreibt, den jugendlichen Straftätern "die Chance eröffnen, ein Leben ohne Straftaten zu führen". Sie kritisierte die stereotype Aburteilung durch ihre Kollegen, sie studierte die Akten jedes Straftäters akribisch und versuchte, jedem einzelnen gerecht zu werden - seiner Biographie und seinen familiären Verhältnissen.

Vor allem hatte sie es aber satt, dass die Justiz ein "Reparaturbetrieb" sein sollte - und dann auch noch einer, der nicht richtig funktionierte. So wollte Kirsten Heisig verhindern, dass in Neukölln weiterhin die meisten Intensivtäterkarrieren beginnen. "Vorbeugen statt Verurteilen" lautete ihre Devise, denn man müsse die Kinder davor bewahren, so zu werden wie ihre Brüder und Väter. Und weil Kirsten Heisig ganz auf Gewaltprävention setzte, zog sie rastlos durch Neukölln, sprach mit der Polizei und diskutierte mit Migrantenvertretern und den Veranstaltern von Anti-Gewaltprojekten - immer auf der Suche nach Verbündeten. Ohne Unterbrechung hat Kirsten Heisig für den Stadtteil gearbeitet. Welche Kraft das gefordert haben muss, ist kaum zu ermessen.

Schulpflicht durchsetzen

Der Schlüssel zum Erfolg war für sie der regelmäßige Schulbesuch. In ihrem Buch schreibt sie: "Zwar enden nicht alle Jugendliche, die nicht oder nur selten zur Schule gehen, als Straftäter. Umgekehrt ist aber durchaus ein Zusammenhang zu erkennen: Nahezu alle Mehrfachtäter sind Schulverweigerer. Deshalb gilt die Schule als eine entscheidende Stellschraube, einen Lebenslauf positiv zu beeinflussen." Für dieses Ziel hat sie bis zur Erschöpfung gekämpft. Mit türkischen und arabischen Vereinen veranstaltete sie Elternabende und redete Vätern und Müttern ins Gewissen, sie sollten ihre Kinder deutsch lernen lassen und sie unbedingt in die Schule schicken. Und warum? Damit sie die Heranwachsenden später als Richterin nicht ins Gefängnis schicken müsse.

Um ihrer Forderung nach regelmäßigem Schulbesuch Nachdruck zu verleihen, griff sie auch zu rigiden Mitteln. So verhängte sie selbst bei ALG2 Empfängern Bußgelder, um die Durchsetzung der Schulpflicht zu erzwingen. Und sie plädierte vehement für eine bessere Zusammenarbeit von Jugendamt, Polizei, Justiz und Schulbehörde, um Schulschwänzer schnell wieder einzufangen. Auf diese Weise solle ein Frühwarnsystem entstehen. Datenschutzrechtliche Bedenken wischt sie vom Tisch. "Jugendschutz geht vor Datenschutz" entgegnete sie ihren Kritikern lapidar.

Streitschrift und Mahnung

Kirsten Heisigs Buch ist eine aufrüttelnde Streitschrift, ein Manifest gegen die Gleichgültigkeit. Uns bleibt nur noch wenig Zeit, so lauten Heisigs mahnenden Worte.

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