"Mehr Haltung, Frau Merkel!"

Schriftsteller Rafik Schami zur Situation in Syrien

Der deutsch-syrische Schriftsteller Rafik Schami spricht mit aspekte über mögliche Umbrüche in seinem Heimatland, die besondere Position Syriens, über "Messer im Mund"-Klischees und die Vernetzung der syrischen Exilanten. Von den deutschen Politikern fordert er mehr Haltung, mehr Mut, mehr Unterstützung für die Opposition.


aspekte: Lieber Herr Schami, was macht eigentlich die Besonderheit Syriens aus? Liegt es nicht auch an seiner geostrategischen Position? Und warum kann sich das Regime eigentlich noch immer halten?


Rafik Schami: Das sind 250 Fragen - ich versuche auf 249 zu antworten. Syrien hat eine ganz andere Position als zum Beispiel Jemen oder Tunesien, denn das ist ein Touristenland am Rande der arabischen Länder - während Syrien im Mittelpunkt des Geschehens ist: in Richtung Israel, in den Libanon mit seinen Kontakten zur Hisbollah, Kontakten zu Persien ... Das heißt, dieser Dominostein ist von besonderem Interesse. Das wissen die Mächte. Und deshalb ist der Westen auch nicht ganz so entschieden für den Sturz, Israel auch nicht. Das Problem der Syrer ist, dass weder Israel noch der Westen für einen Sturz ist. (...) Das ist die geostrategische Position.

Darüber hinaus hat Syrien intellektuell ein schweres Gewicht. Tausende von Intellektuellen, die die arabische Welt beeinflusst haben, sind im Exil. Und die haben, wenn sie sich entfalten, großen Einfluss. Wir haben auf der anderen Seite seit 40 Jahren ein intelligentes Regime, nicht nur der Alawiten. Assad war so klug, dass er alle Schichten, Konfessionen und Sippen und deren Vorsteher mitbeteiligt hat. Das heißt, die Macht wurde genau verteilt auf die Mächtigen - wie auch die Händler in Damaskus - alle sind korrupt, haben so viele Gewinne wie noch nie gemacht in ihrem Leben. Er hat ihnen freie Hand gegeben.


aspekte: Der "Orient". Auf der einen Seite gibt es großartige Erzählungen wie die Ihrigen, dann diese Bilder von 1001 Nacht ... und dann gibt es diese grausamen Nachrichtenbilder und die alltägliche Aktualität. Haben die Deutschen ein zutreffendes Bild vom Orient, von Syrien?


Schami: Die Frage ist berechtigt. Nun, das Bild hat auch vor der Revolution nicht gestimmt. Es ist reduziert auf Klischeebilder: Wenn man mit dem Finger in die Erde geht, dann spritzt Öl heraus; Das Land des Terrors; Das Land der Diktaturen; Das Land der traurigen Menschen. Vieles hat nicht gestimmt. Die Leute dort sind eines: Überlebenskünstler. Die Wüste hat ihnen das beigebracht. Das wissen viele Europäer nicht. Die wundern sich, gehen in ein diktatorisches Land und die Leute dort lachen und tanzen und essen. Nicht, dass sie nichts spüren - sie spüren alles, nehmen das alles wahr. Aber sie lassen sich ihr Leben nicht zerstören. Das kann zur Folge haben, dass diese Leute sehr untertan wirken.

Des weiteren sind die Bilder der Presse manchmal ein wenig opportunistisch. Solange das Land Erdöl liefert und Waffen und Industrieprodukte kauft, hält man eine Decke drauf. Man kann mir nicht erzählen, dass man nicht gewusst hat, dass es Gefangene gibt und dass gefoltert wurde, sowohl bei Saddam Hussein als auch in Syrien als auch in Ägypten. Da kam aber kein Bericht. Und wir hatten als Oppositionelle keine Chance, niemand wollte mit uns reden. ( ... ) Die Europäer, die sich um Filme, um Festivals, um Romane usw. kümmern, die waren schon informiert. Aber populäre Medien haben kein Interesse. Der Araber ist bei ihnen ein Scheich, der hat einen Dolch, trägt dauernd Sonnenbrille und hat ein Messer im Mund, vor allem auf einem Pferd. Ich bin geritten als Jugendlicher, und es ist nicht gesund, ein Messer im Mund zu tragen, wenn man reitet.


aspekte: Dieser Präsident Assad heute, in welchem mentalen Zustand befindet der sich wohl?


Schami: Assad ist Herrscher und zugleich Gefangener seines Systems. Er ist Herrscher, das ist eindeutig: Es gibt keinen Mord, der nicht unter seinem Befehl ausgeführt wird, er ist der oberste Befehlshaber der Armee und oberster Befehlshaber aller Geheimdienste. Eindeutig. Und er ist gleichzeitig Gefangener seines Systems: "Sie" sagen ihm: 'Wenn wir nicht bombardieren, bist du weg vom Fenster. Dann müssen wir einmarschieren und morden.' Sein Bruder ist ein Führer eines unabhängigen Staates im Staat, nämlich der Republikanischen Armee oder Garde. Das sind Truppen ohne jedes Gesetz, ohne jede Kontrolle - und die stehen direkt unter seiner Führung. Sie bombardieren und töten gerade dann, wenn er gerade versprochen hat, es wird nicht mehr auf Demonstranten geschossen.

Seine Rede vom letzten Dienstag ist voller Vokabular des guten Willens, er sagt, dass er reformieren will. Und die Bevölkerung fragt: Warum machst du das dann nicht? Wir wollen die Reformen. Und unmittelbar, komischerweise unmittelbar nach der Rede, gibt es wieder Schießereien. Es klingt so, als ob er die Lage nicht wahrnimmt. Ich behaupte, er nimmt sie wahr, aber er hat keine Lösung, denn die Lösung heißt: Er müsste die 15 (!) Geheimdienste Syriens entlassen, auflösen, dass heißt ihre Herrschaft in Frage stellen. Das kann kein Präsident machen, der - die Regentschaft seines Vaters dazu gerechnet - seit 40 Jahren mit diesen Geheimdiensten und durch diese Geheimdienste herrscht. Die bringen ihn um.


aspekte: Welches Gewicht hat ihre Stimme im Land?


Schami: Wir im Exil werden weniger gehört - noch, weil die Medien nicht allen zugänglich sind. Wir werden noch nicht direkt gelesen - außer von denen, die über Internet unsere oppositionelle Zeitung lesen.


aspekte: Wie groß ist Ihr Netzwerk von Menschen im Exil, Intellektuellen, von Menschen auch in Syrien und Damaskus? Mit wem haben Sie da hauptsächlich Kontakt, wie funktioniert das?


Schami: Im Exil sind wir miteinander verbunden über oppositionelle Zeitungen. (...) Im Ausland kennt man sich inzwischen, die Kontakte sind sehr eng, eine Vernetzung wirklich über alle Parteien hinweg. Das andere, mit der Heimat, läuft in der Regel über Beirut. Die Verbindung Damaskus-Beirut ist sehr intensiv und wir gefährden damit keinen und keine der Demonstranten selbst. Denn das wäre fatal: Wenn Sie jemand anruft, das wird abgehört, dann ist er weg. die haben ihn schnell über die Handynummer. Also, die Information fließt intensiv von der Mitte des Geschehens aus über viele Kanäle ins Ausland. Und was ich nicht bekomme, bekommt ein Freund von mir in Paris, dann kann er mir das sagen, ich sage einem in Finnland Bescheid, etc. Damit lassen wir unsere Verwandten und Freunde aus dem Spiel. Ich rufe nie zu Hause an oder ich frage keinen Cousin, keine Cousine, denn ich weiß, so dumm ist der Geheimdienst nicht, im Gegenteil, der syrische Geheimdienst ist sehr schlau. Die beobachten alle Verbindungen von den Oppositionellen mit Verwandten.


aspekte: Sie leben in Deutschland. Was erwarten sie von Frau Merkel und von Westerwelle in Bezug auf Syrien?


Schami: Dass sie eine Haltung zeigen. Eine Haltung, die den Frieden liebt und die Freiheit unterstützt - nicht verbal, sondern wirklich real. Dass die Regierung mutige Maßnahmen trifft und zwar, auch wenn sie damit allein ist. (...) Und sei es auch, dass sie sich zunächst negativen Rückwirkungen gegenüber sieht. Das muss man annehmen. Also, sie sollten sagen: "Ich mache Kontakte zur Opposition, ich erhebe meine Stimme gegen Assad." Jeden Tag. Ob das nun in der UNO durchkommt oder nicht - aber man soll zeigen: Deutschland hat einen eigenen Weg gefunden. Nicht außerhalb der EU, sondern führend in der EU, und nicht alles den Franzosen überlassen oder Amerikanern. Wieso denn eigentlich? Sind wir wie ein winziges Ländlein? Das ist es, was ich verlange: Größe. Dass wir der Demokratie würdig sind, der Freiheit würdig. Sie verpflichtet uns, die Freiheit. Freiheit ist nicht nur 'ich wähle den Urlaubsort, den ich will'. Die Freiheit, für die die Väter und Großväter gelitten haben in diesem Land, verpflichtet Frau Merkel, zur Freiheit eindeutig zu stehen und ich nicht "wenn" und "aber" und "mal sehen, was die Israelis sagen". Das geht nicht.


aspekte: Was steht auf dem Spiel wenn die Freiheitsbewegung in Syrien ins Stocken gerät?

Schami: Dass ist die gefährlichste Alternative: wenn die Freiheitsbewegung scheitert. Denn dann wird das Land dann geschlossen und es wird abgerechnet für die nächsten 30 Jahre. Das Regime wird nicht davor zurückschrecken, ein Massaker nach dem anderen zu begehen an all seinen Gegnern. Das würde eine menschliche Katastrophe. (...) Ich fürchte das sehr und hoffe, dass es nicht dazu kommt, dass die Freiheitsbewegung stattdessen weiter zunimmt.


aspekte: Was würde eine Niederlage der Opposition bedeuten für Jemen oder Saudi Arabien?


Schami: Es würde einen Rückschlag geben, auch in Jemen, in Libyen sogar. Die werden sich gestärkt fühlen. Die Syrer werden sich erholen und Hilfe leisten. Bis nach Tunesien hinein, bis Kairo. Das heißt: Wenn mit Syrien jetzt die Welle der Demokratisierung und der Rettung erfolgreich weiter geht, dann wird auch der Libanon frei, dann wird die Hisbollah in ihre Grenzen zurückgedrängt, damit wird der Iran in seine Grenzen gewiesen und man kann mit Iran besser verhandeln. Oder aber, das Regime wird gestärkt - wie Assad gerade angekündigt hat, sie werden noch stärker. Dann werden sie alle Gegner und alle Staaten, die sich erheben, klein halten. Das ist die zweite Konsequenz: dass Arabien zurückkehrt zu der Zeit vor der tunesischen Revolution. Und das wäre grausam.


aspekte: Besteht in all dem Unglück nicht auch eine historische Chance? Nicht nur für Syrien, sondern für den gesamten Nahen Osten?


Schami: Ich glaube, wenn wir im Winter noch einmal miteinander sprechen, dass Syrien dann schon befreit ist. Das wird folgendes bewirken. Tausende Intellektueller, Industrieller, freiheitsliebender Händler werden zurückkehren, werden das Land aufbauen. Dann geht es nicht mehr um Waffenstillstand mit Israel, sondern ganz konkret darum, Israel anzuerkennen und wahren Frieden zu schließen - in dem die Israelis auch die Palästinenser anerkennen. Das wird eine Region, die nicht mehr Arbeitskräfte, Immigranten, Exilanten "liefert", sondern eher Arbeitskräfte und technische Arbeitskräfte aus Europa braucht. (...) Demokratisch heißt dann, gemeinsame Firmen zwischen Türken und Arabern, Iranern und Arabern, Israelis und Arabern. Das wäre ein Riesenvorteil, nicht für Amerika - das ist der Punkt - sondern für Europa. Denn das sind unsere Nachbarn am Mittelmeer. Deshalb denke ich, die Allerersten die Interesse haben sollten an einer Demokratisierung im Orient sind die Europäer. Aber es ist, als ob ich in der Wüste redete - dabei liegt das auf der Hand.


aspekte: Es gibt ein neues Buch von Ihnen, in dem Sie sich humor- und liebevoll mit uns Deutschen auseinandersetzen. Sie hatten jetzt vier Jahrzehnte Gelegenheit, uns kennen zu lernen. Ich frage mal so: Wie deutsch kann man eigentlich werden? Wo liegen für Sie die Grenzen?


Schami: In meinem Buch: "Eine deutsche Leidenschaft namens Nudelsalat" nehme ich mich und meine deutschen Freunde auf den Arm. Zum BeispieI: Ich habe gelernt, ein paar Geschenke zu akzeptieren, die deutsche Gäste mitbringen, ohne mich beleidigt zu fühlen - als arabischer Gastgeber. Aber ich bitte immer darum, den Nudelsalat im Auto zu lassen. Ich habe Besseres zu bieten, sage ich immer. Aber ich habe auch gelernt, dass ich meine Gäste nicht mehr zu Tode überfüttere. Der Araber will ja seine Gäste dauernd retten vor Hunger, weil er immer noch in der Wüste lebt in seiner Vorstellung - und der Fremde, der zu ihm kommt, ist folglich gerade am Verhungern. Also füttern wir den Gast, bis er platzt.


aspekte: Sie sprechen, träumen von einem befreiten Syrien! Was machen Sie dann? Packt Rafik Schami dann seine Koffer?


Schami: Nur zum Urlaub. Deutschland ist eine wunderbare Heimat für mich geworden. Aber ich würde gerne mit meiner Frau und meinem Sohn nach Damaskus fahren. Ich habe geschworen, mit ihnen Murmeln auf meiner Gasse zu spielen. Und ich werde das Grab meiner Mutter besuchen und ihr Rosen hinlegen, Damaszener Rosen, mit ihr ein paar Stunden sprechen, erzählen, was ich alles gemacht habe in den vielen Jahren. Aber ich kehre nach Deutschland zurück. Hier habe ich meine literarische Sprache gefunden und auch mein Publikum. Ich bin sehr dankbar.


aspekte: Vielen Dank, Herr Schami!

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