Mensch und Architektur

Ein Rundgang durch die Giardini der Architekturbiennale in Venedig

Was hat Architektur mit Beziehungen zwischen Menschen zu tun? Unter dem Titel "People meet in Architecture"hat Ende August die Architekturbiennale in Venedig eröffnet.

Und diese Architekturbiennale ist ein Erlebnis. Eine Wolke zum Anfassen, lebendige, organische Architektur, Häuser, die in die Bäume zu wachsen scheinen und atemberaubende Hindernisse auf dem Ausstellungsparcours. Sinnlich - ganz banal möchte man sagen dürfen: einfach schön.

Energie, Platz, lebbare Städte

Das mag an der japanischen Architektin und Pritzkerpreisträgerin Kazuyo Sejima liegen - nach zwölf Jahren wurde die Ausstellung das erste Mal von einer weiblichen Kuratorin konzipiert. "Ich hoffe, die Besucher fühlen wirklich etwas, wenn sie hier durchgehen", sagt Sejima. "Sie sollen mit der Architektur und den Räumen der Teilnehmer richtig in Berührung kommen."

Die Biennale steht in diesem Jahr unter dem Oberthema "Menschen treffen sich in Architektur". Es geht um Chancen von heute, aber auch um die drängenden Probleme der Zukunft. Energie, Platz - und wie Städte lebbar gemacht werden können. Der deutsche Klimaingenieur Matthias Schuler hat die künstliche Wolke in den alten Werfthallen der Arsenale geschaffen. Das komplexe Klimaphänomen Wolke im geschlossenen Raum ist ein Beispiel höchster Ingenieurskunst und ein ästhetisches Plädoyer für den schonenden Umgang mit Ressourcen. "Wolken tragen viel zur Energiebilanz unseres Planeten bei", sagt Matthias Schuler. "Sie schirmen uns gegen gewisse Strahlungen ab, sie sammeln das Wasser auf. Sie transportieren das Wasser von den Ozeanen ans Land. Das Grundsystem unseres Planeten beruht mit auf den Wolken. Wenn es keine Atmosphäre und keine Wolken geben würde, gäb es kein Leben auf unserer Erde."

Schlupflöcher im polnischen Pavillon

Der deutsche Nationen-Pavillon dagegen sorgt auf der Biennale nur für mitleidige Blicke und mildes Lächeln. Sehnsucht ist das Thema, zu dem Architekten aufgefordert wurden, eine Zeichnung einzureichen. Die meisten entzogen sich der drögen Schulaufgabe mit Ironie. Sehnsucht, den Sockel eines Reiterstandbildes entwerfen zu dürfen heißt es da, oder einfach nur: Emotionen bauen. Dazu ein Spiegelsaal im 50er-Jahre Ambiente für die notwendige Reflexion des tiefgründigen urdeutschen Themas. Die größte Sehnsucht, die einen im deutschen Pavillon befällt, ist die, durch den Seitenausgang wieder in Venedigs Gärten zu entschwinden ...

Ganz anders der heimliche Renner in den ersten Tagen der Biennale: Im polnischen Pavillon setzt man ganz auf Risiko - Teilnahme auf eigene Gefahr. In der Installation "Emergency Exit/Notausgang" kann der Besucher es wagen, aus drei Metern Höhe in den Abgrund zu springen. Das überregulierte und verplante System Stadt einfach verlassen, eigene Schlupflöcher finden - so lautet die Message der beiden Künstlerinnen Aleksandra Wasilkowska und Agnieszka Kurant. "Die Menschen wollen ihre Stadt selbst entdecken", meint Agnieszka Kurant. "Das ist unsere Antwort auf das Thema dieser Biennale: Menschen treffen sich in Architektur. Die Leute wollen sich an Orten treffen, die sie selber finden. Sie wollen sich diese Entscheidung nicht von Stadtplanern und Architekten abnehmen lassen, die für sie vorsehen, wo sie hingehen sollen, wie zum Beispiel an bestimmte gestaltete Orte oder Plätze."

Vielseitige Metropolregionen

Auch wenn der Eingang zum französischen Pavillon eher an ein zwielichtiges Etablissement erinnert, geht es auch dort um das alles beherrschende Thema Stadtplanung - Schwindelgefühl nicht ausgeschlossen. Die These der französischen Kuratoren ist ungewöhnlich. Sie plädieren genau genommen für die Abschaffung der Städte. Der Platz zwischen den Großstädten wie Paris, Nantes und Lyon sollte viel mehr genutzt und alles zu einer großen Metropolregion verbunden werden. "Wenn möglichst viele Menschen miteinander ins Gespräch kommen und die Beziehungen zwischen den Städten stärker werden, müssen sie nicht mehr miteinander konkurrieren", so Dominique Perrault, der Kurator des französischen Pavillons. "Die Idee dahinter ist eine neue Art von Region, in der alle zusammen arbeiten, und leben. Eine fantastische Vielseitigkeit wäre möglich."

Der Blick in die Zukunft bestimmt diese 12. Architekturbiennale fast überall. Während die Tschechen für naturnahes, offenes Bauen plädieren, verliert man sich im australischen Pavillon in futuristischen 3D-Fantasien. Wo und wie wollen wir leben? Wo ist Platz? Dass der Mensch künftig auf die Meere ausweichen muss, klingt eigentlich logisch. Doch wie entscheidend ist die Arbeit der Architekten dabei noch? "Architektur ist die Bühne, auf der wir alle Theater spielen", sagt der Kurator des australischen Pavillons, Ivan Rijavec. "Und natürlich ist das wichtig, denn dieses Umfeld bestimmt, wie wir dieses Lebenstheater spielen. Hier in Venedig sind wir Touristen und nach ein paar Tagen möchte man gerne flüchten, denn in Venedig kannst du nur Tourist in einer Kulisse sein."

Zukunftsspekulationen mit Fantasie

Venedigs Schönheit ist mehr Disneyland als eine Stadt, in der sich wirklich leben lässt. Museumgewordene Stadt der Vergangenheit - in der sich aber vielleicht gerade deshalb umso fantasievoller über die Zukunft spekulieren lässt, wie diese Architekturbiennale beweist.

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