Minimalist mit Mut zum Pathos

Colin Firth in der Rolle seines Lebens

Er ist nicht ein, sondern der Star der Berlinale: Colin Firth. Gerade mit einem Golden Globe geehrt, hat er in zwei Wochen beste Aussichten, auch den Oscar als bester Hauptdarsteller abzuräumen. In der Rolle seines Lebens spielt er jetzt in "The King's Speech" einen König mit Sprachhemmungen.

"Die Aufgabe dieses Mannes - des Königs - ist es, öffentlich zu reden", sagt Colin Firth im aspekte-Interview. "Doch das Mikrofon ist sein größter Feind. Vor allem aber glaubt er, dass er keinerlei Chance hat, sich jemals einem anderen oder gar Menschenmassen verständlich zu machen." Ein unorthodoxer Sprechtrainer, brillant gespielt von Geoffrey Rush, soll dem König das Stottern schließlich abtrainieren. So beginnt eine fragile Freundschaft, die Klassengrenzen in Frage stellt. Aber auch ein Pokerspiel darum, wer eigentlich das Sagen hat.

Eine winzige Bewegung

"Meine größte Angst war es, in dieser Rolle in Sentimentalität abzurutschen", sagt Firth. "Dieser Mann sollte zu keiner Zeit den Eindruck erwecken, in Selbstmitleid zu verfallen. Diese Gefahr ist natürlich groß, wenn jemand in welcher Therapie auch immer alles bloßlegt, was er seit der Kindheit mit sich herumschleppt. Da musste ich gegensteuern, bloß kein: 'Warum gerade ich?'." Colin Firth in einer großen Charakterrolle - fast ist man ein bisschen überrascht. Dabei hat er vor 25 Jahren genau so angefangen: in der Rolle eines provozierenden Linksradikalen in einem erzkonservativen College in "Another Country".

Seinen Durchbruch erlebte Colin Firth in einer Jane-Austen-Verfilmung - "Stolz und Vorurteil". Plötzlich galt er als Sex-Symbol belesener College-Damen. In der Rolle des Flamen Vermeer in "Das Mädchen mit dem Perlenohrring" (2003) brachte Firth seinen minimalistischen Stil zur Perfektion. Eine Träne, eine Perle, eine winzige Bewegung des Daumens - so erzeugte er im Zusammenspiel mit Scarlett Johansson eine Intimität, die den Atem stocken ließ. "Warum soll man plakativ sein, wenn man es nicht sein muss. Nicht, dass ich irgendetwas von mir zurückhalten möchte. Aber ich glaube nicht, dass man den Leuten ständig mit dem Zeigefinger kommen muss."

Label "very british"

Wenn schon Zeigefinger, dann als Parodie: Im peinlichen Strickpulli etwa, so wie im Film "Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück". Oder - noch etwas peinlicher - mit dem sexbesessenen vierbeinigen Freund (in "Die Girls von St. Trinian", 2007). Eine Weile schien es, als wolle Firth mit aller Macht seinen Ruf als subtiler Spieler zertrümmern - man denke an seine Rolle im Abba-Film "Mamma Mia". Doch die Stelle des locker-ironischen Sunnyboy ("Tatsächlich ... Liebe") war schon vergeben - an Firths Dauerkonkurrenten Hugh Grant.

Matthew Goode links neben Colin Firth
a single man Quelle: Senator Film Verleih


So musste sich Colin Firth schließlich mit dem Label "very british" abfinden - das heißt: wortkarg, grüblerisch und eine Spur zu korrekt. Zum Glück: Denn genau so spielte Colin Firth in "A Single Man" einen schwulen Literaturprofessor, der seinen Selbstmord vorbereitet. Es gab sogar eine Slap-Stick-Nummer inmitten dieses Dramas, die ihm letztes Jahr seine erste Oscar-Nominierung einbrachte.

Eigenes Treiben nicht so ernst nehmen

"Humor heißt, die eigene Lächerlichkeit zu erkennen", meint Firth. "Selbst in dramatischen Momenten. Sobald man sein eigenes Treiben nicht mehr so ernst nimmt, ist man doch schon zurück im Leben. Das ist die Art Humor, die ich mag." Ein König kämpft um seinen Platz, auf dem provozierend der Sprachlehrer thront. Doch plötzlich überwindet Georg VI. seine Redehemmung. Ein Befreiungsschlag - auch für Colin Firth, der in seinem neuen, wohl besten Film den Mut zum Pathos findet.

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