Mittelmaß aus Beton

20 Jahre nach dem Berlin-Beschluss

Am Montag vor 20 Jahren entschied der Deutsche Bundestag, Regierung und Parlament von Bonn nach Berlin zu übersiedeln. Eine knappe Abstimmung. Ausschlaggebend waren wohl die ostdeutschen Postkommunisten und ein Trick: Weil einige Ministerien sinnloserweise in Bonn verbleiben sollten, ließen sich manche Abgeordnete darauf ein, ihre Stimme Berlin zu geben. Hätten sie zwischen Bonn und Berlin wählen müssen, wäre vermutlich Bonn Bundeshauptstadt geblieben.

Als die Mauer fiel, war Berlins Mitte kahl und leer. Unendlich viel Land für die Hauptstadt des 21. Jahrhunderts - und für die besten Architekten der Welt. Im Borgen der Spree sollte das Band des Bundes Ost und West miteinander verklammern. So geschah es.

"Man war zu zaghaft"

Ein gelungener Entwurf ist das neue Haus des Bundestages - die Spree elegant überspringend, maßvoll modern. Heiter, offen. Es ist ein Werk des Münchener Architekten Stephan Braunfels. Er zieht nun im Interview mit aspekte ein Fazit über das neue Berlin: "Das ist wirklich ein erstaunliches Phänomen - in den letzten 20 Jahren hat eigentlich jeder Weltstar in Berlin gebaut und die meisten haben eines oder ihr schlechtestes Gebäude überhaupt gebaut."

Das gilt selbst für die so populäre Kuppel, die Norman Foster dem grobschlächtigen wilhelminischen Reichstag aufsetzte: architektonisch suboptimal, meint auch Braunfels. "Interessant wäre es gewesen eine größere Geste zu schaffen als diese geduckte und zu kleine Kuppel", meint Braunfels. "Aber wenn man sich erinnert: Foster, der die Kuppel gebaut hat, hatte ursprünglich eine ganz andere Idee. Er wollte ein riesiges Flugdach über den Reichstag bauen. Andere wie Calatrava hatten zwar eine Kuppel, aber eine viel größere, besser proportionierte und modernere Kuppel als diese im Blick. Ja, man ist etwas zu zaghaft auf eine vermeintlich historische Vorform gegangen, die in Wirklichkeit nicht richtig historisch ist - und modern auch nicht."

Trostlose Verstümmelungen

Und daneben liegt die Ödnis einer städtebaulichen Wüste. Eine baumlose Steppe im Bogen der Spree. Das Kanzleramt hat eine fernsehtaugliche Schauseite, gewiss, doch der Rest ist Sichtbeton, der nach nur 10 Jahren so versifft aussieht wie fast alles in Berlin. Und weil Bauherr Helmut Kohl sich gegen den Willen des Architekten durchsetzte, ist nun ein monströs aufgeblähter Verwaltungsklotz das Sinnbild der Berliner Republik. Kehrt man ihm den Rücken, ragt jenseits der Brache der neue Hauptbahnhof auf. Ein Schmuckstück, dem geistlose Bahnmanager die Seitenflügel abhackten. Trostlos verstümmelt. Und weiter verschandelt von einem ordinären, billigen Hotel - eine Scheußlichkeit der Extraklasse.

Auf der Friedrichstraße stößt man vor ins Herz der architektonischen Finsternis. Sie ist die wichtigste Einkaufsstraße, doch nichts lädt zum Flanieren ein. Dogmatisch verknöcherte Bauvorschriften zwangen selbst beste Architekten zu trostlosen Steinfassaden. Alles ist gleich hoch, alles in Reih und Glied wie ein preußisches Infanterieregiment. Berlin, die piefigste Weltstadt von allen - kaum besser als die DDR-Sonderplatte gegenüber.

"Es gab keine Gedankenfreiheit"

Oberbauleiter der Tristesse war bis 2006 der fast allmächtige Stadtbaurat Hans Stimmann, ein Zuchtmeister mit versteinertem Geschmack. "Wen Stimmann nicht mochte, der bekam überhaupt keine Chance zu bauen", sagt Braunfels. "Das ging meines Erachtens zu weit - Stimmann war wirklich stark genug, um mehr zulassen zu können. Ich habe viel mit ihm diskutiert, ich erkenne an, dass er die Stadt wieder aufbauen wollte, aber ich habe ihm immer wieder gesagt: 'Geben Sie mehr Gedankenfreiheit!'" Ja, das hat er nicht gemacht. Manche Architekten sind deswegen überhaupt nicht nach Berlin gekommen, zum Beispiel Zaha Hahid oder Herzog & de Meuron - die waren ihm schon zu gefährlich.

Der achteckige Leipziger Platz: einfallslos. Unweit davon am Potsdamer Platz: Hochhäuser! Eine Wohltat fürs Auge! Gleich dahinter wird's wieder armselig, eng und schlicht. "Die paar Hochhäuser sind ja vielleicht ganz schön", so Braunfels, "aber was hinter den Hochhäuser ist, ist von einer schnöden Öde und von einer steinernen Dichte, ohne jeden Charme, ohne jede Atmosphäre. So dass man sich wirklich fragt, hätte man das nicht besser machen können?" Bleibt der Pariser Platz, die gute Stube am "Briefmarkentor". Einige wenige Architekten setzten sich durch. Die Akademie der Künste von Günter Behnisch ignoriert die Bauvorschriften. Frank Gehrys Gebäude der DG-Bank überwindet sie mit kraftvoller Sprache. Der Rest ist wieder nur kleinlaut.

Es ist noch unendlich viel zu tun

Es gibt in Berlin viele Gründe, schäbig zu bauen. Sicherheitswahn ist nur einer. So opfert die neue US-Botschaft jeden Rest architektonischen Anstands. "Wenn ich heute Gäste aus Amerika oder aus China durch Berlin führe und ihnen was Besonderes zeigen will, dann tue ich mich schon richtig schwer 10 Weltklasse-Gebäude in Berlin zu finden", sagt Braunfels. "In jeder anderen vergleichbaren Stadt ist das viel, viel leichter. Sogar in Peking kann ich inzwischen mehr tolle, moderne Gebäude finden als in Berlin. Aber ich bin Architekt, schau nach vorne und bin Optimist."

Denn es ist noch unendlich viel zu tun im Zentrum Berlins. So sollen unter anderem weitere DDR-Platten fallen für die Verlängerung des Bundes-Bandes. Bis dahin kann der Kundige seinen Besuchern auch die zehn hässlichsten Neubauten Berlins zeigen. Unbestreitbar auf Platz 1: das Haus am Spreedreieck. Breit, braun, blöd. Als hätte ein monströser Straßenköter seine Notdurft verrichtet.

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