Nach ihm die Moderne

Zum 100.Todestag von Gustav Mahler

In seinen Sinfonien tönen Kuhglocken, Hammerschläge und Rummelplatzmusik. Von der ganzen, totalen Welt wollte er erzählen, von den hohen, aber auch den niederen Dingen: Gustav Mahler.

Eine Mahler-Konzert: eine Explosion! Das Schlagzeug dröhnt, die Bläser schreien auf, die Streicher rasen: Mahler eben. Mahler wühlt auf, verzaubert und attackiert. Und alle lieben ihn. Er befeuert sein Publikum mit wüsten Dissonanzen und verwöhnt es mit ätherischen Melodien. Er treibt Auditorien in den Rausch. Mahler fordert die totale Identifizierung.

Ungeteilte Leidenschaft

Mahler entspricht ganz dem Geschmack, ja dem Lebensgefühl von heute. Das erklärt seinen Erfolg. Er liefert dem Publikum das ganze Spektrum unseres geistigen Innenlebens und er lässt nichts aus, er bietet Neurosen, Hysterien, Depressionen, er ist mal sarkastisch, mal ironisch, mal derb und naiv. Mahler liefert Realität pur!

Leipzig feiert gerade unter Riccado Chailly ein opulentes Mahler-Festival, ein Treffen der weltweit renommiertesten Mahler-Interpreten und Orchester. Ein Riesenaufgebot an Chören, Solisten, Musikern. Mahler ist der Meister der Extreme. Sein Sound bietet große kollektive Gefühlserlebnisse.

Der verfemte Jude wurde eingemeindet

Dabei war der k. u. k. Komponist Mahler ein halbes Jahrhundert lang ein toter Hund. Man hat ihn als Jammerlappensymphoniker verhöhnt, seine Klangexperimente mit Kuhglocken und Hammerschlägen empört zurückgewiesen, der Jude Mahler war tabu.

In den 1960er Jahren dann der Umschwung. Die Lust auf Regelverletzungen und Rebellion waren das dankbare Klima für den wilden Zauber der Mahlerschen Sinfonien. Statt Wohlfühlmusik waren bitterböse Klangwelten gefragt. Der verfemte Jude wurde politisch korrekt eingemeindet und der unaufhaltsame Siegeszug des notorisch Unangepassten begann.

Körperlich erlebbare Musik

Mahler bedient die Sehnsucht nach dem ganz großen Konzerterlebnis. Eine körperlich erlebbare Musik. Es gibt kein Entrinnen. Mahler und die Natur: Seine Musik propagiert eine rurale Sehnsucht, die als Soundtrack eines angesagten Öko-Bewusstseins genossen werden kann. Seine Märsche und Ländler sind Verstoß gegen das Erhabene, Bekenntnis zum verachteten Niederen.

Daneben Mahlers Todesmusiken. Der rabenschwarze Pessimismus. Gültig für Untergangsszenarien wie den 11. September und den GAU von Fukushima. Mahler bietet in seiner Musik das pralle Leben, die Abgründe und die Hoffnungen. Und sein Publikum ist süchtig danach.

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