Nachtschattengekritzel

9/11 im Spiegel des Comic

Als sich der Staub verzog, merkte Amerika, dass die Schatten der gefällten Türme die Welt noch lange verdunkeln sollten. Das Titelbild von Art Spiegelmans 9/11-Tagebuch zeigt: New York hat den Boden unter den Füßen verloren. Der legendäre Comic-Künstler hat sich das Trauma vom 11. September von der Seele gezeichnet - nur drucken wollte seine Therapie zunächst niemand.

Auszug aus "Im Schatten keiner Türme" von Art Spiegelman
Auszug aus "Im Schatten keiner Türme" von Art Spiegelman Quelle: Art Spiegelman

Die Tragödie als Cartoon? Geschmacklos und überflüssig, hieß es. Was sollten ein paar Strichmännchen mit Sprechblasen auch gegen die allgegenwärtigen Fernsehbilder ausrichten? Die Hölle Manhattans wurde live in die ganze Welt übertragen, überwältigend wie eine Hollywood-Produktion, aber erschreckend real.

Terrorisiert von Al Quaida und Regierung

Während Spiegelman noch zeichnet, scharen sich die US-Medien hinter den Parolen der Bush-Regierung. Die Weichen stehen auf Krieg, Kritik ist unerwünscht. Erst recht wenn sie so hysterisch und schrill daherkommt wie bei Spiegelman. Der erinnert sich: "Ein Grund, warum der Comic nicht in führenden Zeitungen veröffentlicht wird, wurde mir klar, als man bei einem sehr angesehenen Blatt sagte: 'Oh, ganz toll. Das sollten sie in Europa veröffentlichen.' Das liegt wohl daran, dass dem Ganzen der patriotische Ton fehlt, der in den amerikanischen Medien gerade angesagt ist."

Für Spiegelman ist am 11. September die Welt untergegangen. Er war Augenzeuge, als das erste Flugzeug ins World-Trade-Center krachte. Jedenfalls beinahe. Zwei Jahre später findet sich der Autor der Holocaust-Parabel "Maus" eingezwängt zwischen allen Fronten: Gleichermaßen terrorisiert von Al Quaida wie von der eigenen Regierung. Seine Kritik ist beißend, und doch muss Spiegelman mit ansehen, wie Dick Cheney dem amerikanischen Adler die Flügel stutzt.

Dem Land den Spiegel vorhalten

Der Comic - für Spiegelman ist er eine Waffe. Mit dem Sturz der Türme sieht er längst vergessene Cartoon-Helden aus ihren Gräbern gerissen. Schließlich liegt der Geburtsort des amerikanischen Comics nur wenige Blöcke von Ground Zero entfernt. Nun werden die "Toons" wieder gebraucht, um ihrem Land den Spiegel vorzuhalten: Spiegelman ist natürlich nicht der einzige Zeichner, der sich an 9/11 abarbeitet. Aber sein Beitrag bleibt bislang der komplexeste. Von den unzähligen Superhelden verirrt sich allein Spider-Man an die rauchenden Trümmer von Ground Zero. In einem Sonderheft hilft er beim Aufräumen und verneigt sich vor Amerikas wahren Helden. Gezuckert mit einer Extraportion Patriotismus verkaufte sich das Album sensationell gut.

Auszug aus Art Spiegelmans "Im Schatten keiner Türme"
Auszug aus Art Spiegelmans "Im Schatten keiner Türme" Quelle: Art Spiegelman

Andere Zeichner machen es sich nicht so leicht. Sie stellen die Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Mediums gegenüber den TV-Bildern. Die blutige Realität schwappt aus der Glotze, so sieht es Will Eisner, einer der Stars der Szene. Was hat der Comic dem Tod schon entgegenzusetzen? Gegenüber der realen Tragödie verblasst jede Zeichnung. Und doch, glaubt Jon Hastings, braucht es Autoren wie ihn, um den Ereignissen einen Sinn abzugewinnen.

Den Irrsinn dieser Welt verstehen

Ohne Geschichten ist der Irrsinn dieser Welt nicht zu verstehen. Egal, ob nun geschrieben oder gezeichnet. Ein Art Spiegelman braucht gerade mal drei Bilder, um die neue Realität Amerikas zu sezieren. Er glaubt heute zwar immer noch, dass die Welt untergeht. Aber doch bedeutend langsamer als zunächst gedacht.

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