Nicht mehr blind ins Leere steigen

Schriftsteller Menasse über seinen europäischen Traum

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse tut zurzeit etwas, was uns exotisch, wenn nicht gar waghalsig vorkommen muss. Der Held seines nächsten Romans ist Beamter der Europäischen Kommission in Brüssel. Gibt es etwas Öderes als Brüssel? Existiert dort nicht ein kafkaesker Behördensumpf, der alles regulieren und zentralisieren möchte und den Rest unserer europäischen Begeisterung austreibt? Wird es eine Satire? Aber ganz und gar nicht. Für den Österreicher sind Europas Beamte tatsächlich eine Hoffnung. Und die einzige ernst zu nehmende Kraft gegen den Nationalismus.

Wir treffen Menasse in Brüssel - de facto Hauptstadt Europas, doch ohne Glanz, ohne den geringsten Anreiz zur Identifikation. Noch trostloser sind nur die Denkmäler, als sollten sie beweisen, wie seelenlos diese Europäische Union ist.

Allerorten sieht man Skulpturen, Europa auf dem Stier zum Beispiel - es scheint ein Mahnmal des Rinderwahns zu sein. Über eine seltsam durch den Tag tapsende Figur - sie heißt gar "Der Traum Europas" - ärgert sich der Europäer Menasse sehr: "Das soll der europäische Traum sein? Gibt es ein dümmeres Abbild und unfreiwillig komischeres Abbild des europäischen Traums, als diesen Mann im Nachthemd, der ins Leere steigt? Es ist so entsetzlich. Wenn man genau schaut, ist das ein Mann mit ausgestochenen Augen, also ein Blinder. Der Blinde, der ins Leere steigt, das ist nicht mein europäischer Traum."

Die EU-Kommission - das Herz Europas

Dabei bewundert Menasse doch die europäische Gesinnung dieser Behörde, der Kommission. In den Fluren findet er, überraschend, keine aufgeblähte Bürokratie, sondern eine hoch effiziente Elite. Hier schlägt das Herz Europas, meint Menasse: "Man sieht ja zum Beispiel an dieser Institution, Kommission, dass ein aufgeklärter, hochkompetenter Beamtenapparat und Verwaltungsapparat die Avantgarde gegenüber seinen eigenen Bevölkerungen sein kann." Im Saal der Europäischen Kommission wird Europa beim Wort genommen - gegen den Widerstand der Regierungen, der Nationalstaaten und entgegen der herrschenden Meinung.

"Die einzige Institution in der europäischen Konstruktion, die europäisch denkt, sich als europäische Institution empfindet und die in keinem Moment ihre Handlungen und Taten an die Erfüllung nationaler Gelüste denkt, ist die Kommission", sagt Menasse. "Was hier stattfindet, ist ein Ringen zwischen europäisch denkenden Menschen, die den einzigen Makel haben: Sie sind nicht gewählt. Und den auf der anderen Seite nationalen Interessen, die haben leider den Makel: Sie sind gewählt, aber national." Weshalb Menasse an einer Demokratie zweifelt, die dem Nationalen verhaftet ist: "Ich sage jetzt ketzerisch, man muss die Demokratie abschaffen. Natürlich bin ich ein Demokrat und sage daher sofort dazu, die Demokratie als Begriff für eine bestimmte politische Organisationsform des 19. Jahrhunderts. Denn was wir heute unter Demokratie verstehen, ist 19. Jahrhundert."

Aufwertung des Parlaments

Ein neues Demokratiemodell für das vereinte Europa gilt es zu finden - damit der Europäische Rat nicht mehr so mächtig ist. Er ist das Gremium der Regierungschefs, ist der Schauplatz, "wo windige Kompromisse zwischen den nationalen Interessen als Europa-Politik verkauft werden", so Menasse. "Aber es ist noch nicht das letzte Entscheidungsorgan, es muss ja dann schon noch ins Parlament, Gott sei Dank." Das Parlament muss aufgewertet werden. Menasse wünscht sich Abgeordnete, die nicht mehr von nationalen Listen kommen, sondern von den Bürgern der Regionen gewählt sind. Tiroler, Sachsen, Basken.

Ein Europa der Regionen schwebt ihm vor. "Das gibt es in keinem nationalen Parlament. In keinem nationalen Parlament Europas sitzt eine Partei, die sagt, wir sind gegen das Parlament. Dadurch schwächt es sich schon mal, weil ein Drittel der Kraft weg ist. Das zweite Drittel sind Abgeordnete, die nie Interesse gezeigt haben an Europa-Politik, die nie die Absicht gehabt haben, Europa-Politik zu machen, sich hier zu engagieren. Das heißt, ein zweites Drittel dieses Parlaments ist eine Sondermülldeponie gescheiterter nationaler Politiker. Das schwächt das Parlament enorm."

Nationalstaaten müssen verschwinden

Europa kann nur gedeihen, wenn die Nationalstaaten verschwinden. Davon ist Menasse überzeugt. Glaubt er wirklich, dies werde geschehen? "Wenn Sie mich fragen, als Österreicher, finde ich das wahnsinnig komisch, dass Sie glauben, die Nationalstaaten können nicht verschwinden. Ich bin der Sohn einer Generation, die fünf verschiedene politische Systeme in fünf verschiedenen territorialen Grenzen unter dem Namen Österreich erlebt hat. Das Habsburgerreich ist spurlos verschwunden, das wilhelminische Deutschland ist spurlos ist verschwunden. Es ist ein ununterbrochenes Verschwinden in diesem Kontinent passiert. Plötzlich war ganz Österreich spurlos verschwunden, da waren wir wieder Teil des Deutschen Reiches. Dann war das Deutsche Reich verschwunden. Wer sagt, das wird alles nie verschwinden? Das wird verschwinden, aber es wird zum ersten Mal vernünftig verschwinden."

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