Notizen eines Widerspenstigen

Michail Chodorkowskis "Briefe aus dem Gefängnis"

"An Chodorkowskis Händen klebt Blut. Der Dieb gehört hinter Gittern", sagt Wladimir Putin, für den die Sache einfach ist. Michail Chodorkowski, bis zu seiner Verhaftung reichster Mann Russlands, ist für den Kremlchef ein Verbrecher. Das neue Buch "Briefe aus dem Gefängnis" ist Lehrstoff für jede Geschichtsstunde.

Erzählt wird vom Aufstieg und Fall des Oligarchen Michail Chodorkowski. Dieser mausert sich vom geschäftstüchtigen Jung-Komsomolzen zum Global Player seines Weltkonzerns Yukos. Sein Traum: Er will sein wie Rockefeller. Diesen erfüllt er sich und wird am Ende doch vom Saulus zum Paulus.

14 Jahre sibirische Einzelhaft

Der junge Chemiestudent nutzt die Wirren im untergehenden Sowjetreich und verschafft sich mit vielen Tricks eine Vormachtstellung im Rohstoffgeschäft. Sein Motto: "Unser Kompass ist der Profit." Er wird Kapitalist, dann Konzernchef, schließlich russischer Patriot mit sozialreformerischen Ideen. Chodorkowski will ein offenes, demokratisches Russland, ohne Willkür, Mafia und käufliche Presse. Als er öffentlich im Beisein von Präsident Putin die Korruption anprangert, schlägt der beleidigt zurück. Er lässt ihn 2003 einsperren. In zwei Schauprozessen wird der Manager zu insgesamt 14 Jahren verurteilt, allen Protesten zum Trotz.

Das Gefängnis wird zur Bildungsanstalt, der "Gulag light" eine Art Reifeprüfung. Die jetzt veröffentlichten Briefe, Aufsätze und Essays sind eine beeindruckende Materialsammlung. Sie sagen viel über das heutige Russland und seine wirklichen Verhältnisse. Gerade seine Briefwechsel mit bekannten russischen Autoren gehen unter die Haut. Chodorkowski ist bereit, für das Ideal eines besseren Russlands sein Leben zu geben, schreibt er pathetisch in sibirischer Einzelhaft.

Sein Fall bewegt nur wenige Gemüter

Doch der Mehrheit der Russen ist das egal. Sie träumen von besseren Zeiten, vom "goldenen Fischlein, das alle Wünsche erfüllt". Der Fall Chodorkowski bewegt nur wenige Gemüter. Der prominente Häftling muss nun weitere sechs Jahre "die Schleimsuppe" im Gefängnis auslöffeln. Sein Fall erinnert an längst vergangen geglaubte Zeiten. Chodorkowski, Privatperson, Straflager JaG 14/10 schickt sein Signal aus der Zelle: "Unsere Justiz ist unabhängig, sagen Putin und Medwedew. Von Gesetzen und dem Menschenverstand, sage ich."

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