Ökologisch, elegant, raffiniert

Ein kongeniales Feriendorf in den Dolomiten

Corte di Cadore liegt wenige Kilometer entfernt von Cortina d'Ampezzo in einer atemberaubenden Bergkulisse in den Dolomiten. Das Feriendorf wurde 1958 gebaut - ein Projekt von Enrico Mattei, dem vielleicht mächtigsten Mann im Italien der Nachkriegszeit.

Es war ein einmaliges Experiment: die klassenlose Gesellschaft zumindest für die Dauer der Ferien. Ob Manager, Abgestellter oder Arbeiter - alle wohnten in ein und demselben Haustyp. Heute gehören die Ferienhäuser Privatleuten, unter ihnen viele Kreative und Künstler wie Lilli Doriguzzi.

Ferien ohne Klassenunterschiede

Hell, modern und einfach wirken die Räume. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die hochwertigen Materialien: handgefertigte Kacheln, edles Mahagonieholz, das an Schiffseinbauten erinnert - eine Mischung aus japanischem Minimalismus und funktionalem Bauhaus. Jedes Detail ist durchdacht, ästhetisch und praktisch, jedes Haus gleich eingerichtet, nur in anderen Farben. Auch bei Lillli finden wir dieselben Originalmöbel, denen man den Gebrauch von mehr als 50 Jahren nicht ansieht.

"Ohne jeden Klassenunterschied mussten die Möbel dem verwöhnten Manager genügen, durften aber auch den einfachen Arbeiter nicht verschrecken. Beide sollten sich wohl fühlen", erklärt Lilli Doriguzzi. Diese Gleichheit auf höchstem Niveau war für alle Eni-Mitarbeiter kostenlos. Als Zugabe zum Hausaufenthalt gab es Geschirr mit dem Firmenlogo. Entworfen wurde diese soziale Utopie 1958 vom Eni-Vorstandschef Enrico Mattei, ein Chrisdemokrat, der für eine gerechtere Gesellschaft kämpfte. Seine Vision setzte der Architekt Edoardo Gellner kongenial um - ohne jeden Hauch von traditioneller Alpenarchitektur.

Unbeugsam, eigensinnig: Bauherr Mattei

Der Ölkonzernchef galt als der mächtigste Mann im Nachkriegsitalien. Er sortierte das Ölgeschäft neu, schloss Verträge über Energielieferungen direkt mit der Sowjetunion und den arabischen Ländern ab, vorbei an den Interessen der europäischen und amerikanischen Ölgesellschaften. Mattei hatte viele Feinde, 1962 kam er bei einem mysteriösen Flugzeugunglück ums Leben. Bis heute beschäftigt sein Tod Schriftsteller, Filmemacher und Ermittler.

Im Hotel des Feriendorfs, das jeder besuchen kann, treffen wir Dottore Petrini, einen ehemaligen Eni-Manager, der eng mit Enrico Mattei zusammengearbeitet hat. Er schwärmt von diesem unbeugsamen, eigensinnigen Mann, dem "seine Arbeiter" so sehr am Herzen lagen und der mit seiner Öl-Politik Vielen gefährlich wurde. Wen störte er am meisten? "Shell, Mobil, BP", antwortet Marcello Petrini. "Mattei verletzte ihre Interessen, störte das Gleichgewicht des Ölgesellschaften, das bisher galt." Glaubt er, dass Mattei umgebracht wurde? "Ja, Signora, das glaube ich." "Und wer hat ihn umgebracht?" "Die sizilianische Mafia, das ist meine Meinung."

Meisterwerke moderner Architektur

Nicht nur seine. Viele in Italien glauben, dass die Mafia im Auftrag von US-Ölgesellschaften Mattei umgebracht hat. Bewiesen ist es nicht. Einer, der den Fall Mattei ausführlich recherchierte, war Pier Paolo Pasolini. In seinem unvollendeten Roman "Petrolio" schreibt er über die Hintergründe von Matteis Tod. Dieses Kapitel galt lange als verschwunden und ist in diesem Jahr wieder aufgetaucht. Ausgerechnet Marcello Dell`Utri behauptet, es zu besitzen. Er ist Berlusconi-Abgeordneter und wurde vor wenigen Wochen als "Gehilfe der Mafia" verurteilt.

Im Vergleich zum heutigen Berlusconi-Italien wirkt Enrico Mattei wie ein Geist einer untergegangenen Zeit. Ein Konzernchef, dem es nicht um Profit ging, sondern um Solidarität. Einer, der seine urchristlichen Ideale in Beton hauen ließ, und gemeinsam mit dem Architekten Edoardo Gellner Meisterwerke der modernen Architektur schuf. Wie die Kirche in Corte di Cadore - mystisch wie ein japanischer Tempel.

Den Verfall aufhalten

Den Jugendlichen wollte Mattei ohne Blick auf ihre Herkunft soziales Handeln vermitteln - im Leben und Spiel auf einem Campingplatz, der bis heute als Ferienlager dient. Über die sensiblen Details wie den Schuh-Schrank unter der Hütte freuen sich die 'ragazzi' immer noch. Wie heruntergekommen diese Werte heute sind, symbolisiert das riesige Kinderheim des Dorfes, das heute immer mehr verfällt. Einst waren dort über 1000 Kinder untergebracht. In 17 Gebäuden, die mit raffinierten Rampen verbunden waren. Lilli Doriguzzi begeistert die clevere Bauweise, wie zum Beispiel die Flure der Rampen, die mit Fenstern in allen Höhen ausgestattet sind: "Die Idee dieser Fensterreihen. Hier konnten alle Kinder, egal wie alt und wie groß sie waren, rausschauen in die Welt, lernten sozusagen im Vorübergehen die Verbundenheit mit der Natur".

Um in diesen Verfall Bewegung zu bringen, zeigte die Künstlerin Lilli Doriguzzi genau hier ihre Installationen "stare" - eine Reflexion über Sein und Bleiben. "Ich wollte die immer noch pulsierende Schönheit dieses Ortes zeigen, ihn wiederbeleben mit Kunst." Es gibt also viele Gründe, dieses fast vergessene Feriendorf in den Dolomiten zu besuchen.

Um unser Web-Angebot optimal zu präsentieren und zu verbessern, verwendet das ZDF Cookies. Durch die weitere Nutzung des Web-Angebots stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Näheres dazu erfahren Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Gemerkt! Merken beendet Bewertet! Bewertung entfernt Abonniert! Abo beendet