Propaganda in Stein

Politstreit um die Pyramiden von Teotihuacán

Teotihuacán war einst die größte Stadt der Welt. Mehrere hunderttausend Einwohner hatte sie im fünften Jahrhundert. Und ebenso viele Besucher erobern ihre Ruinen nun einmal pro Jahr zurück - mit Schreien und Gebärden beim Frühlings-Sonnenfest ganz oben auf den Pyramiden. Ihr Ziel: auf dem Gipfel die Energie des Kosmos tanken. Das taten angeblich schon die indianischen Erbauer des Orts. Hundertausende pilgern zu einer Pyramide? Im Jahr 2010?

Was zunächst wie ein esoterischer Trip aussieht, ist für viele Mexikaner patriotischer Ernst, ein Akt des anti-kolonialen Selbstbewussteins. "Die Spanier mussten ihre kolonialen Verbrechen und Raubzüge rechtfertigen", weiß Armando Blanco, Historiker der Nationaluniversität Mexiko. "So erklärten sie unsere Kultur für wertlos. Bis heute bringen in Mexikos Schulen die Lehrer den Kindern bei, dass die Vorvölker Ignoranten und Götzendiener waren. So haben alle hier einen Komplex gegenüber der heutigen Welt. Doch setzt euch mal vor die Sonnenpyramide und überlegt: Hatten ihre Erbauer etwa Minderwertigkeitskomplexe? Nein - ihre Weltsicht war grandios. Und genau das müssen wir zurückerobern."

Mythenbildung für die Politik

Vor der spanischen Eroberung galt die Sonnenpyramide von Teotihuacán als Zentrum des Universums. Im Mexiko der Gegenwart ist sie ein Nationalsymbol. Jede Persönlichkeit von Rang muss sie erklimmen - selbst ihrerzeit die gehbehinderte Frida Kahlo, um sich, oben angekommen, spontan in Leon Trotzki zu verlieben. Zumindest in der Variante Hollywoods. Kein Kino: Auch Angela Merkel war - mit Sportsgeist - an der Pyramide. Bei Staatsbesuchen ist der Aufstieg Pflichtprogramm. Dabei weiß man über die historische Stadt fast nichts. Vor eineinhalb Jahrtausenden wurde sie von ihren Bewohnern verlassen. Schon die Azteken kannten die Pyramiden nur noch als Ruinen und erfanden für sie eine falsche Geschichte, die ihre eigene Herrschaft legitimierte.

Heute ist das nicht anders, meint Archäologe Miguel Báez, Kurator der Ausstellung "Teotihuacán" im Berliner Martin Gropius-Bau: "Viele politische Regime haben die Geschichte für ihre Zwecke missbraucht - bis heute. Alle Archäologen in Mexiko unterstehen direkt der Regierung. Deshalb dient die Archäologie hier immer dem Staatsdiskurs. Die Archäologen werden von den Politikern benutzt: um deren Handlungen und Festakte zu rechtfertigen. Genau dasselbe haben schon die Azteken gemacht: ihren Untertanen einzureden, sie seien die rechtmäßigen Erben von Teotihuacán. Purer Mythos - historisch ist nichts davon wahr."

Nationalfeier ist "Politiker-Demagogie"

Gut passt der Mythos derzeit zum "Bicentenario" - der 200-Jahr-Feier der mexikanischen Unabhängigkeit. Der Staat trumpft mit Nationalkolorit auf und schickt eine riesige Teotihuacán-Austellung in die Welt - um Mexikos jahrtausendalte Größe zu feiern. Doch es bleibt ein Land der Dritten Welt, mit horrenden Armuts-, Gewalt- und Umweltproblemen. Genau das wird durch den Archäologie-Kult ausgeblendet. Lautstark protestieren dagegen viele Indio-Gruppierungen: Die so genannten Concheros verstehen sich als Azteken und wahre Erben von Teotihuacán. Mit prähispanischen Tänzen mitten im Machtzentrum der Hauptstadt Mexiko fordern sie die Deutungshoheit über den "Bicentenario" zurück.

Einer von ihnen sagt: "Diese Feier ist reine Politiker-Demagogie. Die Regierung feiert 200 Jahre Unabhängigkeit und 100 Jahre Revolution. Ja, es gab eine Revolution und die Unabhängigkeit. Doch wer hat dies erreicht? Das Volk! Und wie lebt dieses Volk heute? In Armut. Was also gibt es zu feiern? Nichts! Wo befinden wir uns aktuell? Auf der Straße!" Von der Straße aus erobern die Concheros nun auch Teotihuacán zurück - als Besitz ihrer Vorväter. Anders sieht das die uniformierte Staatsgewalt und zeigt, wer Herr im Haus ist - um die Pyramiden vor Schaden zu schützen, heißt es offiziell.

Rätsel noch immer ungelöst

Archäologe Báez meint: Beide Herrschaftsansprüche sind Fiktion. Bis heute weiß man nicht, ob Teotihuacán überhaupt je einen Herrscher hatte: "In der gesamten Stadt gibt es nicht ein einziges Bild eines Machthabers. Keinen Palast, kein Regierungshaus. Ein 'anonymes Regime', so nennen wir Forscher das. Es gibt einfach niemanden. Einzigartig in der Geschichte! Und das in der größten und mächtigsten Stadt Alt-Amerikas! Unglaublich! Seit zehn Jahren suche ich nach einer Lösung des Rätsels. Und meine Antwort ist noch immer: Keine Ahnung."

Regierte ein verborgener Gott-König über Teotihuacán? War es die erste Anarchie der Welt? Gelenkt von Außerirdischen? Oder eine jahrhundertelang funktionierende Basisdemokratie? Gerade ihre unerforschten Geheimnisse machen die Ruinen zur immer neuen Projektionsfläche für Phantasien, Utopien und Größenwahn. Vermutlich auch noch weitere Jahrtausende lang.

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