Rebell mit tausend Gesichtern

Die Frage nach Kreativität - für Dennis Hopper die einfachste Sache der Welt: "A creator is a creator. And that's what he is", sagte er einmal. Kreativität war für Hopper eine Frage von Leben und Tod. Der Mann atmete praktisch Kunst. Er spielte in über 150 Filmen mit, einige davon waren gar nicht mal so übel. Er führte Regie und erfand mit "Easy Rider" quasi im Vorbeigehen das "neue Hollywood".

Ein restlos Kunst-Besessener

Das alles hinderte ihn nicht, auch noch zu fotografieren, zu malen und zu sammeln. Hopper - ein Kunst-Besessener. Wenige Monate nach seinem Tod ehrt Los Angeles den ewigen Rebellen mit einer großen Retrospektive. Präsentiert werden 200 seiner Werke aus sechs Jahrzehnten - und das in einem der bedeutendsten US-Museen für zeitgenössische Kunst. Auf der Vernissage feiern Stars und Sternchen Hoppers Himmelfahrt, seine Aufnahme in den Olymp der großen amerikanischen Künstler. "Dennis ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Kunst wandelt", sagt Galerist Jeffrey Deitch. "Es gibt heute eine erweitere Sicht darauf, was ein Künstler alles sein kann. Einige der besten jüngeren Künstler haben die Grenzen zwischen Film, Malerei, Fotografie und Skulptur verwischt. Dennis hat in all diesen Genres gearbeitet."

Selbst Malerstar Julian Schnabel vergisst für einen Moment sein großes Ego, um vor Hoppers Werk auf die Knie zu fallen: "Wenn ich von der Bedeutung seines Werks nicht überzeugt wäre, hätte ich meine Zeit nicht damit verschwendet, den Kram aufzuhängen. Gerade als sein Freund. Wenn es nichts taugen würde, hätte ich ihm diese Peinlichkeit lieber erspart. Aber das ist ja offensichtlich nicht der Fall. Ich halte ihn für einen der bedeutendsten amerikanischen Künstler."

"Er war ein ernsthafter Fotograf"

Seine Kunstbegeisterung beginnt früh. Als Hopper 1954 nach Hollywood zieht, hat er zunächst nur ein Ziel: Er will Filmstar werden. An der Seite von James Dean dreht er "Denn sie wissen nicht was sie tun ¿" und "Giganten". Dean wird sein großer Mentor und führt ihn in die junge Kunstszene von LA ein. Hopper belegt Malkurse und beginnt, sich ernsthaft mit Fotografie zu beschäftigen. "Die Leute neigen dazu, ihn einen Amateur-Fotografen zu nennen, nur weil er ein Filmstar war", sagt Deitch. "Aber Dennis war ein ernsthafter Fotograf und das über Jahre. Das begann schon Mitte der 50er unter dem Einfluss von James Dean. Der gab ihm auch den Rat, seine Fotos nicht zu beschneiden. Ein Filmregisseur macht das schließlich auch nicht."

Die Sensibilität des Filmemachers spürt man schon in seinen frühen Fotos. Ob Straßenszenen oder Schauspielkollegen: Hopper knipst alles, was ihm vor die Linse kommt. Dabei gelingen ihm einige sehr persönliche Portraits aufstrebender Pop-Art-Künstler: Andy Warhol - mal ganz ungestellt. Roy Lichtenstein in seinem Atelier oder der junge Ed Ruscha. Hoppers Fotos von Martin Luther Kings Freiheitsmarsch sind längst zu Ikonen geworden. Sein Glaubensbekenntnis klebte am Kofferraum seines Wagens: "Mein einziger "Ismus" ist der abstrakte Expressionismus."

Pop-Art, sein nächstes großes Ding

Hoppers Gemälde aus jener Zeit werden ein Opfer der Flammen. Das große Feuer von Bel Air vernichtet nicht nur seine Sammlung. Von seinem Frühwerk kann Hopper nur ein einziges Bild retten. Pop-Art wird sein nächstes großes Ding. Eine seiner ehrgeizigsten Installationen: eine reichlich obszöne Bombenabwurfstation aus der Vietnam-Ära. Er experimentiert mit Kombinationen von Fotos und Objekten, gliedert aber auch auf der Straße Aufgelesenes in sein Werk ein - Cola-Flaschen zum Beispiel.

Ende der 60er legt Hopper Pinsel und Kamera beiseite. Nach seinem Geniestreich "Easy Rider" ist Hopper in Hollywood plötzlich wieder gefragt. Es werden dennoch seine schwierigsten Jahre. In Mexiko gründet er eine Hippie-Kommune und säuft sich beinahe um den Verstand. Auf dem Tiefpunkt seiner Karriere sprengt er sich bei einer Kunstperformance fast selbst in die Luft.

Erst nach dem Entzug ist Hopper auch als Maler wieder zurück. Noch einmal verarbeitet er seine Fotomotive: in Billboardgröße. Von Frank O. Gehry lässt er sich in Venice ein Haus entwerfen, ein Wellblechbunker hinter weißem Lattenzaun, bis in den letzen Winkel mit Kunst gefüllt. Die Gang-Graffitis aus der Nachbarschaft werden sein letztes großes Thema. Für ihn waren sie das sinnliche Menetekel einer totgeweihten Jugend.

Poetisch und flüchtig

"Das ist alles sehr traurig, aber auf eine eigenartige Weise fand ich die Gang-Graffitis auch poetisch und flüchtig", sagte Hopper. "Das Leben selbst ist flüchtig. Wir sind ja nur kurze Zeit hier, leben so gut es geht und sterben. Diese Dinge sind so unmittelbar: an einem Tag sind sie da, am nächsten verschwunden. Und immer geht es um Leben und Tod und das Abstecken von Gebieten." Sein Leben hat Dennis Hopper gelebt. Wie flüchtig sein Werk ist, wird sich erweisen.

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