Risse im Kulturerbe

Wie die Faust-Stadt Staufen zerbricht

Staufen im Breisgau erlebt derzeit eine Heimsuchung der besonderen Art: Nach Erdwärmebohrungen geht die Stadt sozusagen in die Luft - die Erde hebt sich seit Jahren und will nicht mehr zur Ruhe kommen. Die Häuser zerbersten und weisen armdicke Risse auf.

Risse im Gebäude der Staufener Stadtverwaltung
Risse im Gebäude der Staufener Stadtverwaltung Quelle: dpa

Vor knapp 500 Jahren gab es eine ähnliche Katastrophe - ein Dr. Faustus - später von J. W. Goethe zu einem weltberühmten Mann gemacht - versuchte sich als Alchimist und kam dabei unschön zu Tode. Der Volksmund sagt, die Erde habe sich aufgetan, und der Teufel habe ihn geholt.

Die Erde wehrt sich, das ist doch klar

Die Einheimischen sprechen von einem Erdbeben in Zeitlupe. Ein denkmalgeschütztes Altstadtensemble droht zu verfallen und noch immer ist die Erde nicht zum Stillstand gekommen. Ein Ort, der bislang als "Faust-Stadt Staufen" für sich warb, wird nur noch notdürftig von Pflastern zusammengehalten. "... dass dem Menschen nichts Vollkommenes wird - empfind' ich nun" - so wäre wohl Faustens Kommentar zu dieser Katastrophe.

Risse im Rathaus von Staufen nach Geothermiebohrungen
Risse im Rathaus von Staufen nach Geothermiebohrungen Quelle: dpa

Die Existenzgrundlage vieler Menschen ist weggebrochen, ihre Häuser haben keinen Wert mehr, sie sind unverkäuflich geworden. Wer den Schaden hat, braucht nicht um Aufmerksamkeit zu buhlen: "Risse-Touristen" strömen busweise herbei, um sich am Elend zu weiden und auch für die Medien hat Staufen eine neue, noch interessantere Attraktivität. Der Geist der Stadt als "Faust-Stadt" ist irgendwie auf der Strecke geblieben. "Oh sprich mir nicht von jener bunten Menge - bei deren Anblick uns der Geist entlieht" kann Faust da nur milde lächeln. Die Erde wehrt sich, das ist doch klar, wenn man ihr derart unbedacht zuleibe rückt.

Hat der Teufel seine Finger im Spiel?

Denn was in Staufen geschehen ist, ist in der Tat mehr als eine Provinzposse. Auf der Suche nach dem Goldschatz Erdwärme trieb man im Herbst 2007 Sonden 140 Meter in die Tiefe. Das Rathaus, gerade frisch saniert, sollte prestigeträchtig mit umweltfreundlicher Technologie versorgt werden. Durch undichte Stellen in den Bohrschläuchen drang Wasser in quellfähiges Gestein, das seither aufgeht wie ein Hefeteig. Im "Epizentrum" hinter dem Rathaus beträgt der höchste Hebungspunkt inzwischen 43 Zentimeter, die vertikale Verschiebung 30 Zentimeter.

Erkundungsbohrung nach den Geothermie-Schäden in Staufen
Erkundungsbohrung Quelle: ap

Und Faust? Er hatte hier vor knapp 500 Jahren seine eigene, ganz ähnliche Katastrophe. Im Hotel "Löwe" hat er gewohnt, bevor ihn, wie der Volksmund dichtet, der Teufel geholt hat. Und so kann es passieren, dass der heute wieder in der Dämmerung durch das Städtchen geistert - jetzt wo sich die Erde wieder hebt und öffnet, kann seine unerlöste Seele erst recht keine Ruhe finden. Vielleicht hat auch heute wieder der Teufel, der im Rathausturm seine Spuren hinterließ, seine Finger im Spiel? Und der heutige Fürst - pardon - der Bürgermeister wollte doch auch nur einen Goldschatz bergen, die Erdwärme.

Keiner und alle haben Schuld

Da ist selbst Faust fassungslos - Wer sonst als der Teufel kann solch ein Unheil verursacht haben? Müßig die Fragen nach den Schuldigen - oder? Die Bohrfirma hat vorsorglich Insolvenz angemeldet. Durch Abpumpen des Grundwassers gedenkt man, die Katastrophe in den Griff zu bekommen. Schade, wenn nun die Geothermie mit einem Bannfluch belegt würde. Keiner hat Schuld und alle haben Schuld - Leer bleibt der Pranger. Faust hat sich damals selbst in die Luft gesprengt - Was bleibt ist der Fluch der guten Tat: Der eine will Gold erfinden, der andere Erdwärme nutzen - Und beide werden sie zu einem Teil der Kraft, die nur das Gute will und das Veheerende schafft.

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